40 Tage MIT. Impulse für die Fastenzeit

Mit dem Aschermittwoch beginnt dieses Jahr am 2.März nach der kirchlichen Tradition die Passions- und Fastenzeit, die 40 Tage bis zum Ostersonntag andauert. Für manche ist das eine Gelegenheit, auch in irgendeiner Form zu fasten. Meist wird dabei ein Fasten in diesen sieben Wochen vor Ostern assoziiert mit dem Verzicht auf bestimmte Genussmittel und Gewohnheiten. Wie das ganz konkret praktiziert werden kann, dafür gibt es verschiedene Motive und Angebote. Dazu gehören natürlich auch die 40-tägige Gebetsaktion „Knie dich rein!“ Nicht wenigen wird in diesem Zusammenhang die Fastenaktion der evangelischen Kirche vertraut sein, die bisher immer allgemein mit „7 Wochen Ohne“ bezeichnet wird. Hinter diesem allgemeinen Begriff steht aber auch immer ein Motto, dass zu einer konkreteren Umsetzung und Gestaltung der Fastenzeit einlädt. Für dieses Jahr ist das Motto: „Üben! – 7 Wochen ohne Stillstand“. In einer grundsätzlicheren Betrachtung zum Thema Fasten soll es ja vor allem darum gehen, dass sich für uns wieder neu der Sinn des Fastens erschließt – eben auch in einem konkreten Vollzug. Mir gefällt die Themen-Formulierung „40 Tage MIT“, weil wir dadurch erinnert werden, dass es eben nicht nur um „40 Tage OHNE“ geht. Es geht darum, die Zeit des Fastens MIT etwas ganz Wesentlichem zu füllen, damit der Verzicht (das „Ohne“) einen Sinn macht.

 

Ein Blick in die antike Umwelt …

Bei einer kurzen biblisch-theologischen Betrachtung zeigt sich das Fasten von seinen verschiedenen Wortbedeutungen und auch jeweils unterschiedlicher Motivations- und Beweggründen, die oft auch mit einem anderen kulturellen Hintergrund verbunden ist. Das Theologische Begriffslexikon zum Neuen Testament verweist auf eine Grundbedeutung des Wortes Fasten vom Adjektiv nestis „nüchtern“ und das davon abgeleitete Verb und Substantiv. Seine Bedeutung ist seit alters ein „Zustand des Leer- und Nüchternseins“. Wer so fastet, verzichtet für begrenzte Zeit völlig auf Speise und Trank. Dieses Fasten wurde überall im Umfeld Israels auch von anderen Völkern und Kulturen praktiziert. Das Fasten war von Anfang an bis heute ein religionsübergreifendes Phänomen. So kann man die Grundbedeutung bzw. eine wichtige Funktion festhalten, die das Fasten für die Menschen von Anfang an allgemein hatte: Es diente der Vorbereitung mit dem Göttlichen in Kontakt zu treten (allgemeiner dem „Numinosen“ als dem für den Menschen Heiligen). Wie Menschen es dabei immer wieder erlebt haben, steigert das Fasten die Empfänglichkeit für Offenbarungen. Es fördert so offensichtlich einem Zustand, der es der Gottheit ermöglicht, sich Propheten, Priestern, Mantikern (wörtl. Seher/Wahrsager) mitzuteilen. Fasten hatte so auch eine Bedeutung in verschiedensten magisch-rituellen Praktiken.

 

… und in das Alte Testament

Das Alte Testament zeigt eine Praxis des Fastens in Israel, wo seine Bedeutung noch einmal eine besondere Ausprägung bekommt. Typisch ist dabei das Fasten als Gebärde der Demut vor Gott, in der der Mensch seine Niedrigkeit vor Gott ausdrückt. Es geht aber dabei nicht um eine künstliche Niedrigkeit, sondern eben auch um eine erfahrbare, spürbare Niedrigkeit, die den wirklichen Zustand des Menschen verkörpert (Jes 58,3.5; Ps 35,13). Das kann mit dem tiefen Schmerz einer Trauer über einen existentiellen Verlust verbunden sein. Und so erschließt sich wohl auch für uns der Zugang, dass Fasten ein Ausdruck der Buße, der Umkehr im Blick auf Gott buchstäblich „verkörpert“. Es ist ein Erspüren, ein leibhaftiger Ausdruck für die Bedürftigkeit des eigenen menschlichen Zustandes. Es geht dabei im Wesentlichen eben auch um ein Begreifen, ein Bekennen der eigenen Schuld und Sündhaftigkeit. So hat das Fasten in Israel vor allem darauf abgezielt, mit wahrhaftiger Reue Gott zur Abkehr von seinem berechtigten Zorn zu bewegen, damit sich so wieder neu seine Gnade, sein Erbarmen erweist (Neh 1,4ff). Viele Beispiele im AT zeigen die Absicht des Fastens in der Hinwendung zu Gott im Gebet (Joel 1,14; Jona 3,8; 2 Sam 12,16).

Neben dem Fasten des Einzelnen für sich gab es in Israel praktizierte Fastentage (Jes 58,8), die im gewissen Sinne als eine gottesdienstliche Veranstaltung ausgerufen wurden, meist eintägig – vom Morgen bis zum Sonnenuntergang (Ri 20,26; 2 Sam 1,12 u.a.). Solche Fastentage wurden ausgerufen vor allem im Blick auf den verheerenden, desolaten Zustands Israels bzw. das zerstörte Jerusalem und den zerstörten Tempel – eine Infragestellung der eigenen Identität!

Das AT berichtet auch von längeren Fastenzeiten. Von einem dreitägigen Fasten wird Est 4,16 berichtet, von einem siebentägigen in 1 Sam 31,13, von einem dreiwöchigen berichtet Dan 10,3. Mose fastet auf dem Sinai 40 Tage und 40 Nächte (Ex 34,28). Von der Tora geboten wird dem Volk Israel ein Fasten am Versöhnungstag (Jom Kippur – Lev 16,29-31).

 

(K)Ein Grund zum Fasten im Neuen Testament

Das Neue Testament nimmt in der Thematik des Fastens auch das auf, was schon im AT (z.B. Jes 58,5ff) als ein wesentlicher Kritikpunkt genannt wurde: Das Fasten diente mehr einem Schein von Frömmigkeit, der Erfüllung eines Brauches, ohne dass es von seinem eigentlichen Sinn erfüllt praktiziert wurde. Jesus hatte dabei auch das Fasten der Pharisäer im Blick (2x in der Woche – Lk 18,12). Seine frommen Zeitgenossen hat Jesus verwundert und fragen lassen, warum er und seine Jünger offensichtlich nicht fasten. Jesus hat das begründet, dass mit ihm das Reich Gottes nun nahe gekommen ist (Mk 2,19). Durch die Nähe des „Bräutigams“ – eine Metapher für den Messias – besteht kein Grund zum Fasten, sondern vielmehr zur Freude.

Jesus hat sich von der oft sinnentleerten damaligen Praxis des Fastens distanziert. Er hat den eigentlichen Wert ausgeübter „Gerechtigkeit“ (Frömmigkeit) in der persönlichen Beziehung und Hingabe zu seinen Abba-Gott betont (Mt 6,1-18). Jesus verweist so auf ein Fasten, dass im Verborgen für Gott und Sein Reich geschieht.

Vor dem Beginn seines Wirkens als der Messias erinnert uns das 40-tägige Fasten von Jesus an unsere heutige 40-tägige Vorbereitungszeit auf die Auferstehung unseres Herrn vom Tod – den Kern unseres Glaubens und unserer Hoffnung. Die Bibel bezeugt, dass das Fasten das Gebet des Menschen verstärken kann. Spätere Textzeugen des Neuen Testamentes heben das hervor – siehe die Fußnoten bei Mt 17,21; Mk 9,29

In diesem biblisch verstandenen Fasten erhoffen wir uns auch in einer (erneuten) 40-tägigen Gebetsaktion „Knie dich rein!“ ein Gebet, dass etwas von Gott her bewirkt. Nicht wir „machen“ das Gebet durch unser Fasten wirkmächtig, nicht unser Verzicht („40 Tage OHNE“) ist es, sondern wie wir ganz neu die „40 Tage MIT“ leben. Das bedeutet auch an und mit Jesus lernen, mit wem er seine Zeit, sein Leben geteilt hat – und wie er es heute auch durch unser Leben tun möchte.

 

Frank Vogt, Neukirchen/Erzgebirge

Gemeinschaftspastor

 

 

 

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