In loser Folge lassen wir ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter aus ihrem Leben und ihrem Dienst berichten. In dieser Ausgabe ist Brigitte Wagler an der Reihe.

 

Vor kurzem wurde ich gefragt: „Hast du dich heute schon über etwas gefreut?“ „Ja, über meine frischgewaschenen, duftenden Handtücher, die ich von der Leine in meinem Garten abnehmen durfte.“ Ich hatte Bilder vor Augen von Flüchtlingsfamilien, hungernden Menschen, verfolgten Christen. Wie gut verlief da mein Leben! Ich bin im Frieden aufgewachsen, materiell versorgt, hatte ein christliches Elternhaus, lernte wegen des verwehrten Abiturs Sprechstundenschwester, heiratete 1972 Dietrich Wagler und habe 6 Kinder und 7 Enkelkinder. Ich staune über die Mosaiksteine, die Gott in die Jahre meines Lebens hineinlegte.

Den christlichen Glauben empfand ich erst als Einschränkung meiner Freiheit. Aber mit 19 Jahren sprach mich Jesus Christus bei einem Evangelisationsabend ganz klar an: „Wie dumm sind die Menschen, dass sie nicht an Gott glauben, der seinen Sohn für sie gab – sie errettet, ohne, dass sie etwas leisten müssen!“ Doch ich brauchte noch Klarheit: Vergibt Jesus mir meine ganze Schuld? – Ja! „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.“ (Joh 3,36) Nun hatte ich Gewissheit, Freude im Glauben und an Gottes Wort. Eine Mitarbeiterin riet mir: „Bring dich ein und bleib vorn dran!“ – obwohl ich damals sehr schüchtern war. Im Annaberger Jugendkreis lernte ich Dietrich näher kennen. Er wollte an der Bibelschule in Falkenberg einen Kurs absolvieren, um im Jugendkreis besser mitzuarbeiten. In einem Gespräch mit Pfarrer Holmer entschied er sich für die Predigerausbildung. Der Termin für unsere Hochzeit stand schon fest. Wie bringen wir das zusammen? Ich sagte meine Fortbildung zum Hygieneinspektor ab und ging mit nach Falkenberg – als erstes Ehepaar. Unsere Verwandtschaft verstand diesen Schritt nicht. Einen Kurs durfte ich miterleben, bekam Einblicke in praktische und theoretische Theologie. Auch weiterhin beschäftigten mich theologische Themen.

Den Dienst als Predigerehepaar sah ich als unseren gemeinsamen Dienst an. Da wir unsere Kinder nicht zu früh einer atheistischen Beeinflussung aussetzen wollten, war ich nicht berufstätig. Wir schwammen mit unseren Ansichten gegen den gesellschaftlichen Strom. Damals lag das Predigergehalt unter dem durchschnittlichen Einkommen. Das Geld teilten wir genau ein. Über getragene Kleidungsstücke, Westpäckchen und frische Kuchenränder vom Bäcker freuten wir uns. Ich strickte und nähte auch für andere Leute. Gott versorgte uns wunderbar.

Wir erlebten frohe Jahre in den Bezirken Freiberg, Annaberg und Pockau. Dadurch lernte ich viele Glaubensgeschwister kennen. Zu den besonderen Höhepunkten zählten die Freizeiten des Bezirkes. Sie waren zugleich unser Urlaub. Dabei hielt ich die Kinderbibelstunden mit Lernversen und Basteln. So wurde mir die LKG zur Heimat.

Ein großer Einschnitt in meinem geregelten frohen Alltag war 2008 der plötzliche Heimgang meines lieben Mannes. Da er Herzprobleme hatte, lebten wir die letzten Jahre bewusster. Über Ende und Ewigkeit sprachen wir immer wieder. Gott hatte es für ihn gut gemacht, ohne Leiden. „Vati lebt bei Jesus.“, so sagte ich dies meinen erwachsenen Kindern.

Zu dieser Zeit war ich nicht berufstätig. Ich betete: „Vater, du hast es so gemacht, nun versorge mich auch.“ Er tat ein Wunder: Mit 57 Jahren wurde ich für den Predigtdienst im Pockauer Bezirk angestellt – ein großes Geschenk. Gott versorgte mich nicht nur, sondern gab mir die Aufgaben, die mir Freude machten. Im ersten Jahr des Alleinseins half mir oft das Lied „Ich bin bei dir, wenn die Sorge dich niederdrückt – Und ich hab alles in der Hand, kenn dein Leben sehr genau …“

2009 begann ich den Dienst in der Behindertenarbeit. Dort lernte ich wertvolle Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, ihre Eltern und freiwillige Helfer kennen. Dieser Dienst ist Lebens- und Glaubensgemeinschaft. Dabei erlebe ich Verschiedenes: gegenseitiges Geben und Nehmen, Dankbarkeit für Sachen, die bei Gesunden selbstverständlich sind oder Anstrengung, um noch vieles selbst zu tun. Herzliche Begegnungen, fröhliche Stunden und Erlebnisse füllten diese Jahre aus. Gern fahre ich auch noch als Rentnerin zu den Freizeiten, betreue jeweils eine Frau und beteilige mich an der Ausgestaltung.

Es gab auch falsche Entscheidungen und Sünde in meinem Leben. Gott ist gnädig, er hat mir inneren Frieden über alles geschenkt. Das hilft mir, Menschen zu verstehen; ihnen in Liebe und Demut zu begegnen.

Mit Jesus will ich leben, er leite mich jeden Tag und regiere besonders im Alter mein Herz. Oft bedenke ich folgende Aussage von H.-J. Eckstein: „Wie erfüllt könnten wir leben, wenn wir das Normale schätzen lernten, während es normal ist und das Alltägliche genießen, solange es alltäglich ist.“

 

Brigitte Wagler

Mauersberg

 

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Bildnachweis: Archiv SGV