„Da braucht es mehr als deine Charmeoffensive!“

Mit diesem netten, aber bestimmten Satz hat er mich so gründlich abblitzen lassen, dass ich richtig schlucken muss. Aber Recht hat er, das muss ich zugeben. Trotzdem verstehe ich das nicht: Jeder weiß (oder hat zumindest schon mal gehört), dass man selbst und sein Glaube durch Mitmachen wächst. Sich einzubringen ist etwas Erfüllendes, von dem Gemeinde schlicht lebt. Gerade Leiter brauchen wir dringend. Aber zunehmend wird es schwieriger und aufwendiger, Menschen zu finden, die sich ein- und ggf. auch aussetzen. Oberflächlich betrachtet will einfach keiner.

Warum nicht? Paulus schreibt doch an Timotheus: „Das ist wahr: Wer eine Gemeinde leiten will, der strebt damit eine schöne und große Aufgabe an.“ (1Tim 3,1 HfA)

Von diesem Bibelwort bleibt nun meistens nur das letzte Wort hängen: „Eine große Aufgabe“! Die soll ich zu all dem, was ich sonst noch zu tragen und erledigen habe, auch noch schultern? –  Wie gesagt: Das braucht mehr als meine Charmeoffensive!

Aber: Was bräuchte es, dass begabte Geschwister die Schönheit einer Leitungsaufgabe sehen können? Vielleicht, das der Leiter Wertschätzung in dem erfährt, wie über ihn geredet und gedacht wird? Das Vertrauen der anderen erlebt man doch besser, wenn die, welche geleitet werden, sich auch leiten lassen, ohne ständig alles zu hinterfragen.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass unter uns eine Unkultur an gegenseitiger Bewertung und dem Reden hinter dem Rücken der Leiter eingezogen ist. Die ist zerstörerisch: Für das Vertrauen, die Gemeinschaft und nicht zuletzt häufig den Glauben derer, die leiten. Oftmals wird der Glaube durch diese Unkultur mehr ins Wanken gebracht als durch logischen Argumente für die Evolution.

Seit mehreren Jahren beschäftige ich mich mit der Begleitung und Schulung von Leitern. Ich tue das sehr gern: Ich möchte, dass Menschen die Begabungen, die sie von Gott erhalten haben, entdecken, einbringen und weiterentwickeln. Deshalb bin ich beim Gemeinschaftsleitertraining dabei. Aber alles Training ist umsonst, wenn die Leute, die geleitet werden, ihre Leiter nicht ermutigen, nicht helfen und nicht aufbauen mit Gebet und guten Worten. Vielleicht braucht es tatsächlich eine Charmeoffensive – eine, die Leute motiviert, Verantwortung zu übernehmen. Nicht eine momentane emotionale Welle, sondern eine dauerhafte Unterstützung.

 

Reinhard Steeger, Leipzig

Vorsitzender des Sächsischen Gemeinschaftsverbands

 

 

 

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Bildnachweis: sasint| pixabay.de