Die Auferstehung von Jesus ist der Grund des christlichen Glaubens (1 Kor 15,14) und die Grundlage der christlichen Hoffnung (1 Petr 1,3). Einmal im Jahr – zu Ostern – denken die Christen in besonderer Weise an die Auferstehung von Jesus. Weltweit feiern die meisten Christen ihre Gottesdienste sonntags, dem Tag der Auferstehung. Im Russischen sind „Sonntag“ und „Auferstehung“ das gleiche Wort.

 

Das Sterben Jesu als historischer Fakt

Im christlichen Glaubensbekenntnis kommt neben Jesus und Maria auch der römische Statthalter von Judäa Pontius Pilatus (26-36) vor: „ … gelitten unter Pontius Pilatus …“ Damit wollten die Christen damals ausdrücken, dass die im Glaubensbekenntnis genannten Ereignisse aus dem Leben von Jesus nicht irgendwann und irgendwo stattgefunden haben, sondern zur Zeit des Pontius Pilatus. Jesus ist datierbar und lokalisierbar. Die meisten Historiker gehen davon aus, dass Jesus am 7. April des Jahres 30 gekreuzigt wurde.

 

Geschichtswissenschaft als Indizienprozess

Historiker rekonstruieren vergangene Ereignisse auf Grund von Indizien.
Indizien müssen bewertet werden. Menschen bewerten Indizien unterschiedlich. Das kann man manchmal vor Gericht erleben: Es kommt vor, dass ein Gericht in einem neuen Prozess zu einem anderen Urteil kommt als das vorherige Gericht, obwohl keine neuen Indizien vorliegen. Aber die Indizien werden jetzt anders bewertet. Das kann an der Lebenserfahrung, an der Berufserfahrung oder auch an der weltanschaulichen Voraussetzung der Richter liegen.

Gerade beim Thema ‚Auferstehung von Jesus‘ kann die Weltanschauung eine entscheidende Rolle spielen. Nach dem Zeugnis des Neuen Testaments war die Auferstehung ein Handeln Gottes in der Geschichte. Wer nun auf Grund seiner weltanschaulichen Voraussetzung glaubt, dass es gar keinen Gott gibt, wird Indizien im Zusammenhang mit der Auferstehung anders bewerten als ein Historiker, der die Existenz Gottes für möglich oder sogar für wahrscheinlich hält.

Die wichtigsten Quellen zur Auferstehung finden wir im Neuen Testament. Nur wenige Jahrzehnte nach den Ereignissen wurden die Evangelien und die Apostelgeschichte verfasst. Sie gehen auf Augenzeugenberichte zurück. Außerhalb des Neuen Testaments gibt es nur wenig Material, das für Historiker bedeutungsvoll ist. Am bekanntesten ist eine Stelle des römischen Historikers Tacitus, der um 115 (also einige Jahrzehnte später als die Autoren der Evangelien) über die Christen schrieb: „Ihr Name geht zurück auf Jesus Christus, der zur Zeit des Kaisers Tiberius unter dem Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet wurde.“ (Annalen XV 44). Das stimmt mit den Aussagen der Evangelien überein.

Kommen wir zur Auferstehung. Mit welchen Indizien muss man sich als Historiker beschäftigen?

 

Drei klare Hinweise

Ein offensichtliches Indiz ist das leere Grab. Es wird in allen Evangelien erwähnt und wurde in der Antike nicht bestritten. Eine Verkündigung der Auferstehung wäre in Jerusalem nicht möglich gewesen, wenn das Grab nicht leer gewesen wäre. Die Frage ist allerdings: Wie ist das Grab leer geworden? Schon in Mt 28,13 behaupten die Skeptiker, dass der Leichnam gestohlen wurde. Der Vorwurf des Leichenraubs ist aber auch ein Beleg dafür, dass die Jünger die Leiblichkeit der Auferstehung verkündigt haben. Hätten sie nur eine geistige Auferstehung verkündigt, wäre es nicht wichtig gewesen, ob sich der Leichnam im Grab befindet oder nicht.

Die ersten Zeugen des leeren Grabes (wie auch des Auferstandenen) waren Frauen. Das ist bemerkenswert, denn das Zeugnis von Frauen galt damals nichts. Der jüdische Historiker Flavius Josephus (38-100) schrieb: „Das Zeugnis der Frau ist nicht rechtsgültig wegen der Leichtfertigkeit und Dreistigkeit des weiblichen Geschlechts“. Die von den Frauen benachrichtigten Jünger glaubten ihnen zunächst nicht. Sie hatten genau so wenig mit der Auferstehung gerechnet wie die Frauen, die ja zum Grab gegangen waren, um den Leichnam zu salben. Im leeren Grab befanden sich nur noch die Leinentücher, mit denen der Tote umwickelt war, das Schweißtuch war ordentlich zusammengelegt (Jo 20,4-7). Hier scheint die Frage berechtigt, ob man einen Toten erst aus den Tüchern wickelt und diese ordentlich zusammenlegt, wenn man ihn aus dem Grab rauben will.

 

Wenn sich Menschen ungewöhnlich verhalten, suchen nicht nur Historiker nach einer Erklärung. Und die Jünger haben sich nach der Auferstehung sehr ungewöhnlich verhalten: Obwohl sie aus dem traditionellen Judentum kamen – einer eindeutig monotheistischen Religion – haben sie den gekreuzigten Jesus mit Gott gleichgesetzt (1 Kor 2,8; 8,6). Dazu kam, dass sie damit jemanden verehrten, der nach Dtn 21,23 als Gekreuzigter ein von Gott Verfluchter war. Dieses Verhalten der Jünger war ein gewaltiger Bruch mit ihrer religiösen und gesellschaftlichen Verwurzelung. Innerhalb kurzer Zeit haben sie sich zusätzlich zum Sabbat auch am Sonntag zu gottesdienstlichen Veranstaltungen getroffen (Apg 20,7) – am „ersten Tag der Woche“, dem jüdischen „Montag“.

Nur wenige Wochen nach der Kreuzigung verkündigten die vorher so verängstigten Jünger öffentlich in Jerusalem, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat – „davon sind wir Zeugen.“ An dieser Aussage hielten sie fest trotz Spott, Verfolgung und Tod. Es gab und gibt zwar immer wieder Menschen, die für etwas, was sie für wahr halten, in den Tod gehen, obwohl es nicht wahr ist. Aber es dürfte kaum vorkommen, dass jemand in den Tod geht für etwas, von dem er weiß, dass es nicht wahr ist.

Was ist dafür die plausibelste Erklärung?

 

Die Schlusskapitel der Evangelien und der Anfang der Apostelgeschichte berichten von Begegnungen der Jünger mit dem Auferstandenen. Am wichtigsten für Historiker und Theologen ist aber ein Abschnitt aus dem ersten Korintherbrief (15,3-5), der für ein sehr altes (vielleicht sogar das älteste?) christliches Glaubensbekenntnis gehalten wird. Darin wird erwähnt, dass der Auferstandene „… gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen …“ und Vers 6: „ … von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal …“.

Diese Verse bieten einen „… Beleg für die frühe und ausgesprochen breite Bezeugung der Wirklichkeit der Auferstehungserscheinungen und der Gewissheit des Auferstehungsereignisses.“ (Hans-Joachim Eckstein). Auch der Bericht über die Himmelfahrt von Jesus ist nicht nur ein Hinweis auf die Leiblichkeit seiner Auferstehung, sondern auch darauf, dass das irdische Leben von Jesus nicht mit der Grablegung endete.

 

Dr. Jürgen Spieß

Althistoriker, Gründer und bis 2015 Leiter des Instituts für Glaube und Wissenschaft in Marburg (www.iguw.de)

 

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