„Ein Beispiel habe ich euch gegeben …“ – Jesus als Diakon

Unvergessliche Sätze …

Ich erinnere mich an die Tagung der Ausbildungsleiter Evangelischer Diakonenhäuser Deutschlands 1992 in Rom. Nach Rom führen ja alle Wege, aber nicht alle Tage. Insofern war die Reise etwas Besonderes. Wieder zu Hause entwickelt man dann all die inneren Bilder und Eindrücke. Ganz obenauf lagen allerdings nicht der Petersdom oder das Kolosseum, sondern ein Vortrag des Waldenser Theologieprofessor Paolo Ricca. Er sprach zu dem Thema „Jesus als Diakon“ und formulierte Sätze, so prägnant und provokativ, dass man sie nicht vergessen konnte. „Wir kennen Jesus unter vielen Gesichtspunkten: als Herrn, als Erlöser, als Retter, als Propheten, als Wundertäter, als Offenbarer, … als wahrer Gott, als wahrer Mensch, als Weltrichter und so weiter. Nur als Diakon kennen wir ihn nicht!“ Und doch sei „Diakon“ für Jesus der „Hoheitstitel“, den er am meisten geliebt habe.

Aber tatsächlich rufe die Kirche Jesus nie als Diakon an! Das sei kaum zufällig. Jesus, der Diakon, sei vergessen worden, weil er verdrängt worden sei. „Er wurde verdrängt, weil die Kirche nicht Diakonin sein wollte. Sie war bereit, Diakonie zu betreiben und hat es getan. Und zwar mit Ernst, Liebe und großem Einsatz. Aber sich als Leib eines Diakons zu verstehen, das vermochte sie nicht.“

Diakonie mit Ernst, Liebe und großem Einsatz betreiben – das tat die Kirche von Anfang an. Das bestätigte ihr sogar der heidnische Schriftsteller Lucian, als er über die Christen schrieb: „Ihr Meister hat ihnen befohlen sich zu lieben – und sie tun es auch!“ Was als Spott gemeint war, gerät zum größten Lob für die junge Christenheit. Denn sie war darin dem Beispiel Christi gefolgt. Für Martin Luther habe Christus mit der Fußwaschung seinen Anhängern ja nichts anderes als das Gebot der Liebe gegeben. Keine Gesetze oder viele Bücher – allein das Gebot, seinen Nächsten in Liebe zu dienen. Was Lucian verspottete, war gewissermaßen die Fußwaschung der frühen Kirche an der damaligen Gesellschaft. In einer anderen damaligen Quelle wird berichtet: „Die Witwen missachten sie nicht. Die Waisen befreien sie von dem, der sie misshandelt. Wer hat, gibt neidlos dem, der nicht hat. Wenn sie einen Fremdling erblicken, führen sie ihn unter ihr Dach und freuen sich über ihn wie über einen leiblichen Bruder.“ Die Segensspuren solcher Diakonie ziehen sich durch die gesamte Kirchgeschichte bis hin auch zur Moritzburger Diakonengemeinschaft. Diakonie betreiben mit Ernst, Liebe und großem Einsatz ist wahrlich viel wert.

 

… und eine vergessene Aufgabe

Die Provokation von Paolo Riccas Referat aber war die Erkenntnis, dass Kirche nicht nur Diakonie treiben, sondern Diakonin sein soll, so wie Christus in allem Diakon gewesen sei. Diakonie also nicht als Arbeitszweig, sondern als Daseinsform. Als Diakon predigte Christus, als Diakon heilte er, als Diakon führte er Gespräche – und als Diakon beschritt er den Kreuzesweg. In all dem sei Christus Diakon gewesen. Man könne ja mit allem sogar herrschen, fügte Paolo Ricca hinzu, sogar mit der Liebe!

Alle horchten auf – auch ich. Plötzlich ging es nicht nur um Handlungen, sondern um Haltungen und Motive! In der Tat: Ich kann in all meinem Tun und Reden auch ganz bei mir sein, bei dem guten Gefühl, gebraucht oder anerkannt zu werden. Vielleicht nicht ganz so selbstbezogen wie König Lear, der zu seinen Töchtern spricht: „Alles habe ich euch gegeben, alles seid ihr mir schuldig“. Und vielleicht auch nicht so krass wie die alten Germanen, die in ihrer Sprache nicht einmal ein Wort für „dienen“ oder „Demut“ hatten. Wie sollen wir also dem Beispiel Christi folgen mit unseren so zwiespältigen Motiven und gar nicht so eindeutigen Haltungen?

 

Das helfende Wort

Hilfreich ist mir die kleine Szene, als Petrus sich der Fußwaschung durch Jesus verweigern will. Jesus entgegnete ihm, er habe dann keinen Anteil an ihm. Also geht es gar nicht nur um die äußere Waschung der Füße, sondern um den Anteil an Christus, um die Beziehung zu ihm. Wenn das so ist, wollte sich Petrus gleich alles waschen lassen – Füße und Hände und Haupt. Jesus aber sagt: Ihr seid schon rein und um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

Es ist also wie bei der Taufe: Wasser allein tuts nicht. Es ist das Wort, das uns Anteil an Christus gibt. Das Wort Christi ist die wahre Fußpflege und die Beziehungspflege. Es ist das schöpferische Wort, das in uns erschafft, was es sagt. Es reinigt unsere Motive, es klärt unsere Gedanken, es verwandelt unsere Herzen.

In diesem Sinne gab die Psychologin Hanna Wolf gelegentlich ihren Patienten bis zum nächsten Termin nur ein einziges Wort mit, ein Jesuswort, ohne dass ihr Gegenüber wusste, von wem es stammte. Und diese erzählten dann oft erstaunt, was dieses Wort in ihnen löste oder auslöste.

Gegenwärtig erleben wir eine Deformation gerade auch in unserer Sprache. Sie ist nicht nur Quelle aller Missverständnisse (was sie immer schon war), sondern sie verroht und wird hart, sie verdächtigt und klagt an. Und auch das schafft eine Wirklichkeit! Als Christen aber sollen wir der Stadt Bestes suchen. Es gibt nichts Besseres, als die Stimme Christi zu Gehör zu bringen. Die Worte Christi wachzuhalten ist eine wichtige Art gesellschaftlicher Diakonie, unsere Sprache und unser Denken zu heilen, Herzen zu verändern und Gewissen zu formen.

 

Der helfende Blick

Da müssen wir gar nicht zu allem Stellung zu nehmen. Das kann auch unscheinbar geschehen, wie mir ein alter Moritzburger Diakon erzählte. Ein junger Mann habe sich vor Jahrzehnten am Diakonenhaus zur Ausbildung beworben. Er erzählte der Bewerbungskommission, dass er erst vor kurzem getauft worden sei. Neugierig fragte man ihn nach seinem früheren Leben. Es kam die Geschichte eines tief verletzten Menschen zu Tage, der – solang er sich erinnern konnte – nie wirklich angenommen wurde. Der drohende Satz des Vaters: „Aus dir wird sowieso nichts“ war wie eine sich selbst erfüllende Prophetie; auch später als Maurerlehrling in der Brigade. Überall blieb er der Außenseiter. Dann aber war seine Firma an einem Hausbau beteiligt. Dessen Eigentümer lud nach Fertigstellung zu einem Fest ein. Als es beginnen sollte, blickte er in die Runde und sah alle – nur den junge Mann nicht. „Ach, der sitzt in der Kneipe.“ Die Brigade hatte ihn ausgeladen. „Ich bitte Sie herzlich, dass einer hingeht und ihn holt.“ Als Mitternacht alle gegangen waren, meinte der Hausbesitzer zu dem jungen Mann: „Sie sind eine Stunde später gekommen, dafür können sie gern noch etwas bleiben.“

Da saßen sie – das erste Mal, dass sich einer für ihn interessierte. So entstand eine Freundschaft. Eines Tages fragte der junge Mann: „Sie kennen mich nun, sie wissen alles von mir. Warum kümmern Sie sich eigentlich um mich?“ Der andere sagte: „Mein Herr verachtet niemand.“ Auf diesen Herrn wurde er neugierig, auf dessen Namen wollte er getauft werden und diesem Herrn wollte er schließlich selbst als Diakon dienen.

Das war ein Dienst der Fußwaschung: Nicht mit Wasser und Seife, sondern mit Wahrnehmung, Zuwendung und Wertschätzung. Durch diese Geste wurde der Hausbesitzer nicht nur zu einem Mitarbeiter, sondern zu einem Nachfolger Christi.

 

Johannes Berthold, Moritzburg

 

 

 

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