In unserer Gesellschaft beobachte ich eine gegenläufige Entwicklung. Auf der einen Seite bilden Singles in unserem säkularen Umfeld eine stetig wachsende Gruppe. Gerade in Städten boomt in den letzten Jahren der Anteil an Singlehaushalten. Auf der anderen Seite nehmen die Singles in unseren Gemeinschaften einen eher untergeordneten Platz ein. Gemessen an dem, wie wir uns um andere Personengruppen innerhalb unserer Gemeinschaften kümmern, ist der Einsatz für Singles doch als rudimentär zu bezeichnen. Es fällt Alleinlebenden schwer, in einer Gemeinde, die stark auf Familien ausgerichtet ist, inhaltlich und zwischenmenschlich anzudocken. Genau diese Ausrichtung nehmen viele Singles in ihrer Gemeinde wahr: Von den Freizeitangeboten für Familien mit Kindern bis hin zu den Beispielen, mit denen der Pastor seine Predigt illustriert. Zudem empfinden Singles gerade im evangelikalen Bereich einen ausgeprägten Druck, ihren Beziehungsstatus zu ändern.

Wenn sich Singles eines wünschen, dann als „normal“ wahrgenommen zu werden – nicht als hilfsbedürftiger Sonderfall, bei dem im Leben irgendetwas schiefgelaufen ist. „Das Leben ohne Partner ist nicht ein ‚Plan B‘, sondern es kann fröhlich und erfüllt sein“, sagt Pfarrerin Astrid Eichler, die 2009 den Verein „Es muss was Anderes geben“ (EmwAg) initiiert hat. Daraus hat sich „Solo & Co“ – ein offenes Netzwerk christlicher Singles – entwickelt (siehe auch Seite 16 im Heft).

Wenn wir darüber nachdenken, wie wir Singles in unseren Gemeinschaften beheimaten können, dann geht es vor allem darum, ihnen zu helfen, Orte der Zugehörigkeit zu finden. Dies geschieht gerade auch dann, wenn die Lebensfragen Alleinlebender ganz natürlich zur Sprache kommen. Und da geht es bei weitem nicht nur um die Suche nach einem Partner(in).

Das Singledasein betrifft übrigens nicht nur die Gruppe derer, die auf der Suche nach einem geeigneten Partner sind, sondern in zunehmenden Maß die Gruppe derer, die eine gescheiterte Partnerschaft zu verarbeiten haben. Um so mehr brauchen sie diesen Ort der Zugehörigkeit, der das Selbstbewusstsein stärkt und neue Perspektiven eröffnet. In einer hoch spannenden empirica-Studie über die Lebenswelt(en) christlicher Singles von T. Künkler, T. Faix und J. Weding, die Anfang März 2020 herausgekommen ist, wird deutlich, wie Singles leben, glauben und lieben. Wer Singles dienen will, wird sie verstehen lernen müssen.

 

Matthias Genz

Mylau

Gemeinschaftspastor

 

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