Ein ganz normales Phänomen

Enttäuschungen sind allgegenwärtig. Ich bin enttäuscht von der Unzuverlässigkeit der Arbeitskollegen; ich bin enttäuscht, weil der Müll immer noch nicht rausgebracht wurde; ich bin enttäuscht von mir selbst, dass ich den guten Vorsatz fürs neue Jahr schon wieder nicht eingehalten habe; ich bin vielleicht sogar enttäuscht von Gott. Jeder von uns hat bereits Enttäuschungen erlebt – und jeder von uns hat bei anderen auch schon einmal Enttäuschungen hervorgerufen! Enttäuschungen sind also ganz normal und gehören zum Leben dazu. Wir überfordern uns und andere, wenn wir krampfhaft versuchen würden, Enttäuschungen um jeden Preis zu vermeiden. Ich werde also um Enttäuschungen nicht herumkommen – ich kann aber lernen, damit umzugehen. Dazu ist es jedoch notwendig, zu verstehen, wie sie zustande kommen.

 

Was ist Enttäuschung?

Enttäuschung ist streng genommen kein Gefühl, sondern ein Eindruck, der sich uns aufdrängt, und der mit Gefühlen wir Trauer oder Ärger einhergeht. Enttäuschungen sind letztlich Erwartungen, die ich habe, die jedoch nicht erfüllt werden. Wenn die Zuverlässigkeit meiner Arbeitskollegen also z.B. mein erwartetes Maß unterschreitet, bin ich von ihnen enttäuscht. Oder andere Menschen gehen mit mir nicht so um, wie ich es gern hätte – also bin ich von ihnen enttäuscht.

 

Wie können wir mit Enttäuschungen umgehen?

Das ist nun auch der Schlüssel, mit Enttäuschungen umzugehen. Ganz extrem könnte man formulieren: wenn ich keinerlei Erwartungen habe, kann ich auch nicht enttäuscht werden! Das stimmt sogar – aber wir sind nun einmal Menschen und haben deswegen auch Wünsche und Erwartungen.

Ein erster Schritt wäre, unsere Erwartungen einmal kritisch zu hinterfragen: Habe ich vielleicht zu hohe? Kann das, was ich von anderen Menschen erwarte, überhaupt realistisch umgesetzt werden? Ist der Maßstab, den ich an mich anlege, eins zu eins auf andere übertragbar? Ist er vielleicht für mich selbst schon zu hoch gesteckt? Wenn ich also wahrnehme, dass ich enttäuscht bin, kann ich mir meine Erwartungen bewusst machen. Wovon bin ich jetzt ausgegangen? Was habe ich als selbstverständlich vorausgesetzt? Und dann kann ich einschätzen, wie wichtig mir diese Erwartung ist und ob sie berechtigt und realistisch oder überzogen ist. Außerdem kann ich mich fragen: Was ist jetzt eigentlich so schlimm daran, dass meine Erwartung in dieser konkreten Situation enttäuscht wurde?

Eine Ursache vieler zwischenmenschlicher Konflikte liegt darin, dass Erwartungen, die wir haben, nicht ausgesprochen werden. Ein anderer kann jedoch nicht riechen oder an meinen Gesichtszügen ablesen, was ich erwarte. Es ist nur fair, wenn ich ihm oder ihr meine Erwartungen klar und deutlich kommuniziere (z.B. welchen Umgang miteinander ich mir wünsche). Dann hat der andere auch die Chance, sich dazu zu positionieren. (Es ist übrigens auch sehr hilfreich und erhellend, die eigenen Erwartungen an sich selbst – oder auch an Gott – einmal auszusprechen oder aufzuschreiben und mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen.)

Besonders bei schwerwiegenden Enttäuschungen (z.B. wenn eine Ehe auseinandergeht) empfiehlt es sich, sich einem Menschen anzuvertrauen und diese auszusprechen. Oft gehen solche Enttäuschungen nämlich mit tiefen Vertrauensbrüchen einher, die uns im Alltag regelrecht lähmen können, weil wir Angst vor erneuten Enttäuschungen haben. Hier ist es gut, Seelsorge in Anspruch zu nehmen.

 

Enttäuschungen als Chance

Enttäuschungen werden von uns als negativ empfunden: niemand wird enttäuscht und fühlt sich hinterher besser oder fröhlicher. Seelsorgerlich betrachtet liegt in einer Enttäuschung jedoch auch etwas Positives: Wir wurden im wahrsten Sinne des Wortes ent-täuscht – d.h. die Täuschung, der wir aufgesessen sind, ist aufgeflogen. Wir sind einer Vorstellung hinterhergeeilt, die so nicht zutreffend war. Insofern können Enttäuschungen dazu beitragen, das Leben, andere Menschen und auch sich selbst realistischer einzuschätzen. So gesehen sind Enttäuschungen, wenn wir sie erleben, eine Chance, mit anderen über unsere Erwartungen ins Gespräch zu kommen und diese wo nötig zu korrigieren. Die Jahreslosung gibt uns hier die Richtung vor: barmherzig zu sein, mit uns selbst und mit anderen Menschen; unsere Erwartungen uns und ihnen gegenüber wahrzunehmen und kritisch zu hinterfragen.

 

Andy Marek, Auerbach

Gemeinschaftspastor und Referent zum Thema „Seelsorge“ in der Kurzbibelschule des SGV

 

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Bildnachweis: Schäferle | pixabay.de