Einer sieht mich

Nicht nur bei Neujahrsempfängen, etwa dem Dresdner oder dem Leipziger Opernball, gilt die Devise: „Sehen und gesehen werden“. Da werfen sich alle in Schale, posieren auf den roten Teppichen und lächeln in die Blitzlichter der Fotografen. Man muss sich schon etwas „in Szene setzen“, damit man Beachtung findet. Wer das nicht tut (oder kann), bleibt die kleine graue Maus, die keiner bemerkt und auf die niemand sieht.

Nicht gesehen zu werden, ist kein Phänomen des Internetzeitalters, das gibt es schon lange. Die Geschichte ist gefüllt von Menschen im Rampenlicht. Aber all die anderen – wo sind die? „Keiner sieht mich!“, hört man überall: aus dem Kinderzimmer, dem Jugendkreis, dem Seniorenkreis, von denen mit zu viel und denen ohne Arbeit. Und wer nicht gesehen wird, der empfindet sich wertlos, unbeachtet und übergangen. Manchmal platzen dann aus Menschen ganz heftig der Kummer, der Frust und die Wut heraus – und dann bleiben Scherben.

Aber Gott stellt dem ganzen „Nicht-gesehen-werden“ eine Frage entgegen: „Wo kommst du her, und wo willst du hin?“ (Gen 16,8) Mitten in Hagars nicht ganz unverschuldetes Elend – sie hatte sich wirklich falsch verhalten; Sara gedemütigt und immer wieder Salz in ihre offene Wunde gestreut – redet der Herr sie an und fragt nach ihr. Diese Nachfragen öffnet ihr den Mund und wird zur Tür in eine neue Zukunft.

Zwei Dinge könnten wir lernen: Zum einen – der, welcher mich und meine Situation sieht, ihm bleibt nichts verborgen. Deshalb brauche ich meine Wut nicht hinauszuschreien oder vor Selbstzweifel zu implodieren. Er sieht mich und weiß Bescheid; und er fragt nach. Das ist die Einladung zum Gespräch und zum Gebet, damit ich all die Dinge, die mich beschweren bei dem abladen kann, der gesagt hat: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid“ (vgl. Mt 11,28). Da kann meine Seele aufatmen und ein neuer Weg beginnt.

Und wir könnten lernen, einander zu sehen. Gemeinschaft heißt doch: Da bleibt keiner allein. Keiner müsste seine Last allein tragen – auch nicht die von Schuld und Vergangenheit. Wir könnten einander mit dem Neubeginn beschenken, der uns von Gott geschenkt wurde. In diesem Sinn ein gesegnetes Lernen! Und nicht vergessen: Du wirst gesehen!

 

Euer Reinhard

 

 

 

Neugierig auf die anderen Inhalte des Heftes? HIER können Sie die aktuelle Ausgabe bestellen oder in älteren Heften stöbern.

 

Bildnachweis: Mylene2401 | pixabay.de