In seinem Bericht ging der scheidende Landesinspektor Matthias Dreßler unter dem Thema Freiheit auch auf die Freiheit zur Veränderung in Gemeinschaften ein:

„Gemeinschaftswachstum trägt heute das Gesicht des „Kampfes um den Einzelnen“ und dies kann in größeren wie kleineren Gemeinschaften gelingen. Statistisch gesehen, und das ist nur eine Betrachtungsweise, haben kleinere Kreise geringere Wachstumschancen als größere.

Die Freiheit zur Veränderung, um Gemeindearbeit voranzubringen, hat in der Praxis dazu geführt, dass in etlichen Bezirken eine Fusion kleinerer Gruppen oder ganzer Gemeinschaften angedacht oder umgesetzt wurde.

Der Vorstand des Sächsischen Gemeinschaftsverbandes hat sich im Berichtszeitraum eine solche stark gewachsene Gemeinde in Süddeutschland angesehen und mit den dortigen Mitarbeitern gesprochen. In unmittelbarer Nachbarschaft ist ein ähnliches Vorhaben gescheitert. Dies belegt, es gibt keine Patentrezepte für Wachstum.

Am Anfang jenes Vorzeigemodells stand eine strukturelle Veränderung. Sie wurde nicht von oben verfügt, sondern entstand an der Basis. Welche positiven Begleiterscheinungen lassen sich ausmachen, wenn zum Beispiel ein  Zusammenschluss kleinerer Arbeiten oder eine Konzentration auf einen zentralen Gottesdienst vorgenommen werden?

  1. Vorzug: Eine Fusionsgemeinde kommt in größerer Zahl zusammen. Dies entspricht einer Kräftigung. Meistens folgen nicht alle ehemaligen Besucher einer Verschmelzung z.B. zweier Kreise, denn nicht jeder macht einen Ortswechsel mit. Manch einer stimmt erst mit der Hand und dann mit den Füßen dagegen. Daraus ergibt sich für den Sächsischen Gemeinschaftsverband in der Summe mitunter zuerst eine Schwächung der Besucherzahlen. Gemeindeaufbauer konstatieren, dass sich bis zu 15 % der Besucher verweigern können. Dennoch kommt man in größerer Zahl zusammen und dies wird als positiv empfunden und erlebt.
  2. Nutzen: Eine Fusionsgemeinde hört neue Glaubensgeschichten und gewinnt neue Einsichten. Jeder der dazukommt, bringt seine geistliche Erlebensgeschichte wie seine theologischen Einsichten mit. Ergänzung geschieht. In kleinen Gemeinschaften ist der Erlebenshorizont gewöhnlich überschaubar. Im Laufe der Jahre kennt man fast alle Bewahrungs- und Führungsgeschichten der anderen.
  3. Vorteil: Eine Fusionsgemeinde erzielt eine größere Begabungsdichte. Dass eine größere Gemeinde ein reicheres Fähigkeitsprofil in der Summe aufweist, bedarf keiner Begründung. Auch zu beachten ist der willkommene Ausstieg für manchen älteren Mitarbeiter, der sich nun mit gutem Gewissen zurückziehen kann, weil und wenn der Dienstplan die nötigen Freiräume lässt.
  4. Gewinn: Eine Fusionsgemeinde wird im Fusionsgebiet planungsflexibler. Der Geschäftsführende Gemeinschaftspastor hat z.B. weniger Sonntagsdienste zu besetzen. Das ist stets willkommen. So ist durch Fusion oder Schließung zu beobachten, dass sich die Anzahl der Dienste im gesamten Land für die Hauptamtlichen des Sächsischen Gemeinschaftsverbandes vermindert hat. Dieser Rückgang ist natürlich nicht so bedeutsam wie in der Sächsischen Landeskirche, in der in 30 Jahren rund 000 Gottesdienste pro Jahr entfallen sind.
  5. Bonus: Eine Fusionsgemeinde erzielt mehr Tragkraft, um Auseinandersetzungen, Antipathien sowie „Schwache und Starke“ tragen zu können. Fast jede Gemeinde kennt Polaritäten, persönliche Schuld, Leid, wunderliche Gestalten oder Menschen mit einer schwierigen Biographie. Mit ihnen zurecht zu kommen, gelingt oft in einer größeren Gemeinde besser als in einer kleineren. Hier ergeben sich darüber hinaus auch mehr Anknüpfungspunkte für gelingende Seelsorge.
  6. Nutzen: Eine Fusionsgemeinde wird als größere Gemeinde gerne und verstärkt von Familien besucht. Familien suchen Familien für den Austausch und für das Miteinander. Manche parallele Kinderstunde wird dadurch gestärkt und Ältere freuen sich, die nächste Generation stärker wahrnehmen zu können.

Die Freiheit zur Veränderung muss nach Wegen suchen, die gangbar sind und die Chancen nutzt, die sich bieten. Meistens braucht es dazu viel Gespräch, um Menschen für neue Wege zu gewinnen. Wer neue Wege sucht, muss mit der Kritik rechnen, dass er bewährte Traditionswege verlässt. Für etliche kleinere Gemeinschaften wird eine Fusion mit anderen Nachbarn angezeigt sein; größere Gemeinschaften werden diesen Weg nicht beschreiten.“

Matthias Dreßler, Chemnitz im September 2019

Den ganzen Bericht können sie hier Downloaden

Bericht des Landesinspektors zur VV 2019