Nah, aber noch nicht da

Die Frage nach den Zeichen der Endzeit, die die Frage nach dem Wann der Wiederkunft Jesu Christi beinhaltet, beschäftigt die Christen seit der Zeit, in der der Herr und Erlöser auf dieser Erde wandelte. Gleichzeitig erbittet das Vater Unser („Dein Reich komme“, Mt 6,10), dass eben dieses Gottesreich anbreche. Das zentrale Gebet der Christenheit beinhaltet damit die Hoffnung, dass Gott mittels seiner Herrschaft das Seufzen der Kreatur beenden wird und die Gefallenheit der Welt ihr Ende findet. Es steht in Verbindung mit Jesu Verkündigung, dass Gottes Reich nahe ist (Mk 1,15; Lk 11,20). Diese Nähe bezieht sich einerseits darauf, dass es bereits heute im Leben der Menschen Wirklichkeit wird. Andererseits richtet sich die Erwartung des Gottesreiches auf eine noch ausstehende Größe. Und diese Größe fasziniert die Jünger aller Zeiten. Denn der Herr hat selbst davon gesprochen, als er die Jünger mahnte: „Wenn ihr aber hören werdet von Kriegen und Unruhen, so entsetzt euch nicht. Denn das muss zuvor geschehen; aber das Ende ist noch nicht so bald da … Ein Volk wird sich erheben gegen das andere und ein Reich gegen das andere, und es werden geschehen große Erdbeben und hier und dort Hungersnöte und Seuchen; auch werden Schrecknisse und vom Himmel her große Zeichen geschehen. Aber vor diesem allen werden sie Hand an euch legen und euch verfolgen…“ (Lk 21,9–12). Kriege, Erdbeben, Seuchen, Hungersnöte und Christenverfolgungen sind die biblischen Zeichen der Endzeit, die mit der Menschwerdung Gottes begonnen hat (vgl. Hebr 1,2).

Gleichwohl hat uns Jesus nicht das „Paradies auf Erden“ versprochen. Unsere Zeit hier, wie die Zeit aller Gläubigen, ist – neben vielen schönen und dankbaren Momenten – eine Zeit des Zeugnisgebens wie eine Zeit der Not und Prüfungen. Diese verschonen nicht den Leib des Herrn – seine Gemeinde –  und führen in eine Zeit des Ausharrens und des Wachens. Der Hass gegen die Gemeinde Jesu flackert immer wieder neu auf, die Gottlosigkeit steigt immer wieder an und die Liebe in vielen erkaltet. Hier gilt der Gemeinde das Wort vom Harren und Warten. Harrender Glaube ist größter Glaube. „Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen!“ (Off 13,10). „Wer aber bis an das Ende beharrt, der wird selig.“ (Mt 10,22; Mk 13,13). Die Aufgabe des sich nicht Überwindenlassens steht nicht selten im Vordergrund. Fast jede Generation, fast jedes Mitglied der „Wolke der Zeugen“ (Hebr 12,1), hat unter mindestens einer der endzeitlichen Prüfungen leiden müssten. Schon Tacitus (ca. 56–120 n. Chr.) schrieb: „Ich mache mich an ein Werk, über eine Zeit zu schreiben, die reich ist an Unglücksfällen, blutig durch Schlachten, zerrissen durch Aufstände.“ So ergeht es auch uns, ohne dass deswegen zwingend die allerletzte Zeit der Endzeit angebrochen sein muss. Nicht wenige sehen beispielsweise in der zurzeit überall präsenten Corona-Pandemie einen weiteren Teil des Kampfes in der Endzeit.

 

Der Blick in Jesu Endzeitrede (Mt 24–25) weist uns den Weg

Der Wiederkunft des Herren gehen nach seinen Worten charakteristische Zeichen voran. Falsche Messiasse und falsche Propheten, die im Bunde mit den Mächten des Teufels agieren, werden alles versuchen, alles aufbieten, die Gemeinde Jesu zu verwirren, zu beunruhigen, zu töten, zu schlagen oder zum Abfall zu verlocken. Wer immer dann auf Erden sagen wird „Dort ist Christus!“ oder „Ich bin es!“, der kann eben nicht der sein, auf den die Welt wartet. Denn Christus selbst sagt, dass er kommen wird mit großer Macht und Herrlichkeit, aber mit der Plötzlichkeit und Helligkeit eines Blitzes, sichtbar von einem Ende des Himmels bis zum anderen. Man sieht den Blitz nicht, bis er kommt, aber er wird ganz sicher kommen (Mt 24,28).

Die damit einhergehenden Naturerscheinungen besitzen ebenfalls einen weltumfassenden Charakter, die Völker und Menschen, ob gläubig oder nicht, in Angst und Schrecken versetzen werden. Dazu kommt die grundlegende Umwälzung der ganzen materiellen Welt. Ein „Aufruhr der Elemente“ bringt die Strukturen der Welt aus dem Gleichgewicht. Das ist die vom Herrn angekündigte unmittelbare Einleitung der Wiedererscheinung des Menschensohnes. Damit sind untrügliche und von Menschenhand nicht zu manipulierende Merkmale des dann unmittelbar bevorstehenden Kommens Christi genannt, die sich von allen bisherigen Zeichen der Endzeit und deren Kämpfen deutlich unterscheiden. Dann – und erst dann! – wird Christus mit dem Zeichen aller Zeichen wiedererscheinen, nämlich dem Herabfahren aus der Höhe des Himmels auf einer Wolke.

 

Weder Tag noch Stunde

Der Herr bereitet die Seinen gut auf die kommenden Ereignisse vor. Doch den genauen Zeitpunkt zu wissen, ist uns nicht bestimmt. In Apg 1,7 steht: „Es gebührt euch nicht zu wissen Zeit oder Stunde, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat.“ Dieses ist die Ansage aller Zeiten – weder Menschen noch Engel wissen den Zeitpunkt. Das sollte und muss uns wirklich genügen. In Mk 13,32 fügt der Herr hinzu: „noch der Sohn“ (siehe auch Mt 24,36). Das heißt klipp und klar, dass allein Gott, der Vater den Zeitpunkt kennt. Auch da dürfen wir ihm vollständig vertrauen.

 

Kostbarer Trost

Es wird nicht selten die Frage gestellt, ob das Coronavirus ein Zeichen der finalen Endzeit sei. Darüber lässt sich dahingehend nachdenken, dass die Pandemie als ein Modell vorstellbar ist und darauf hinweist, wie es dereinst mal so oder ähnlich zugehen könnte. Dieser modellhafte Charakter der jetzigen Situation kann darüber hinaus unsere Aufmerksamkeit wachhalten. Bereit sein für die Wiederkunft der Herrn, ohne dabei spekulativ abzuirren. Vermutungen und Spekulationen werden nicht weiterführen. „Wenn es so weit ist, werden wir Klarheit darüber bekommen. Das war die Botschaft der Christen – von den alten Kirchenvätern an.“ (Gerhard Maier)

Wir Christen dürfen und sollen jeden Tag bereit sein, die Wiederkunft des Herrn zu erwarten. Und dabei können wir in aller Gelassenheit und Gewissheit unsere Aufgaben erfüllen. Der kostbarste Trost für uns liegt in dem Wissen, dass Jesus sicher wiederkommen wird und seine Gemeinde „von einem Ende des Himmels bis zu dem andern“ Ende des Himmels sammeln wird (Mt 24,31).

Diese sichere Hoffnung ist Trost und Stärkung auch in diesen Tagen. Die Plagen werden nach dem Wort des Herrn im Fortgang der Geschichte nicht weniger, sondern sogar mehr werden (Mt 24,21). Zu uns aber spricht Jesus: „Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lk 21,26–28).

Die furchtbaren Drangsale und Zeichen, die die Endzeit kennzeichnen, haben zwei Seiten: Neben dem Wissen, dass es schlimm kommen wird und wir uns geistlich darauf vorbereiten dürfen, können sie auch verstanden werden als ein Anstoß zu einer gesteigerten Erwartung sowie zu großer Freude und Vorfreude auf den letzten Triumph Christi. Dieser wird ein ebensolcher für seine Gemeinde sein, die dann ganz und gar mit ihm in Ewigkeit vereint sein wird. Dies ist kein reines Vertrösten auf eine bessere Zukunft, sondern Kraftquelle und Stärkung in Zeiten wie diesen.

 

Dr. Jörg Michel

Burgstädt

Landesinspektor

 

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Bildnachweis: Nile | pixabay.de