„Jauchzet, frohlocket“ – Bachs Weihnachtsoratorium entdeckt.

Ich könnte behaupten, dass mir die Liebe für die Musik Johann Sebastian Bachs in die Wiege gelegt wurde. Zumindest aber habe ich sie von meinen Eltern übernommen. Diese Musik gehört schon immer zu meinem Leben – als Hörer und seltener auch als Musiker. Ich kann mich jedes Mal aufs Neue für sie begeistern. Das trifft insbesondere auf das Bach’sche Weihnachtsoratorium zu. Dieses Werk hat mich schon als kleines Kind derart fasziniert, dass ich mitten im Sommer einmal gebeten habe, meine Eltern mögen doch „Jauchzet, frohlocket“ anmachen, also die Platte mit dem Weihnachtsoratorium auflegen. Auch jetzt, während ich diesen Artikel schreibe, läuft zur Einstimmung das Oratorium nebenher.

Heute gehört das Weihnachtsoratorium zu Bachs bekanntesten Werken und wird weltweit in Konzerten aufgeführt. Dabei war es nach dem Tod des Komponisten 1750 für fast 100 Jahre völlig in Vergessenheit geraten und erhielt erst im Laufe des 20. Jahrhunderts große Beachtung. Ursprünglich entstand das Oratorium im Jahr 1734. Es besteht aus sechs einzelnen Teilen („Kantaten“). Diese wurden als normaler Bestandteil der Gottesdienste an den drei Weihnachtsfesttagen, dem Neujahrsfest, dem Sonntag nach Neujahr sowie an Epiphanias in den beiden Leipziger Hauptkirchen St. Thomas und St. Nikolai aufgeführt. Alle Kantaten wurden von Bach aber von Anfang an als zusammengehörig gedacht.

 

Kommentierte Bibeltexte

Jeder Teil orientiert sich an den damals für die Gottesdienste vorgeschriebenen Lesungen aus dem Lukas- und dem Matthäusevangelium. Diese Texte erzählen die Weihnachtsgeschichte und werden hauptsächlich solistisch gesungen („Rezitativ“), teils aber auch vom Chor aufgegriffen. Immer aber erfahren die Aussagen des Bibeltextes eine Kommentierung und Vertiefung durch die Solisten und den Chor, sei es durch kurze musikalische Einwürfe („Arioso“), längere, kunstvolle solistische „Arien“, Choralstrophen oder umfangreiche Eingangschöre, die Bach für fünf der sechs Kantaten vorgesehen hat. Beispielsweise folgt auf die im Matthäustext vorkommende Beteuerung des Königs Herodes, dass er das Kind auch anbeten wolle, ein gesungener Einwurf, der den König als „Du Falscher“ anspricht. Herodes und seine Absicht, sich dieses Kindes als möglichem Konkurrenten zu entledigen, sei dem Heiland längst bekannt und könne ihm nichts anhaben. Die anschließende Arie greift dann den Gedanken des mächtigen Heilands auf, der aller „ohnmächtger Menschen Macht“ bei weitem übersteigt. In ähnlicher Weise sind auch die verarbeiteten Strophen verschiedener Kirchenlieder – vor allem von Martin Luther, Paul Gerhardt und Johann Rist – als Reaktion der Gemeinde auf das in den Evangelientexten beschriebene Weihnachtsgeschehen zu verstehen. Es ist nicht bekannt, ob Bach selbst die Liedtexte ausgewählt und sie um die Texte der großen Eingangschöre und Arien ergänzt hat, oder ob dies durch Christian Friedrich Henrici geschehen ist, der oft als Textdichter für Bach gearbeitet hat. Wer es auch war, er muss sich intensiv mit den Evangelien auseinandergesetzt haben.

 

Eine Botschaft aus Klängen

Ebenso wie die Texte von Arien und Chorälen sind auch die musikalische Gestaltung und die Instrumentenwahl am Evangelientext orientiert. Deutlich wird dies beispielsweise am Einsatz der Trompeten und Pauken in drei der Oratorienteile. Diese königlichen Instrumente kommen immer dann vor, wenn von Jesus als dem Herrscher gesprochen oder er als solcher angebetet wird, sei es von den Hirten oder von den Sterndeutern. Besonders spannend empfinde ich immer den Schlusschoral des ersten Teils, der eigentlich ein Wiegenlied ist, in dem aber auf jede Verszeile ein Zwischenspiel des Orchesters „mit Pauken und Trompeten“ folgt. Das „herzliebste Jesulein“ (so heißt es im Wiegenlied) ist eben nicht einfach nur ein niedliches Baby, sondern gleichzeitig der Mensch gewordene Gott. Die Instrumentenwahl unterstreicht eindrücklich, dass wir an der Krippe einem König begegnen. Von daher verwundert es auch nicht, dass Bach mehrere dieser festlichen Stücke der Kantate „Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!“ entnahm, die er 1733 anlässlich des Geburtstages der sächsischen Kurfürstin Maria Josepha komponierte. Auch sonst fanden mehrere bereits früher entstandene Werke Bachs im Weihnachtsoratorium erneut Verwendung (sogenanntes „Parodieverfahren“) und fügen sich zu einem großartigen Ganzen zusammen.

Mehrfach konnte ich bei Aufführungen des Oratoriums mitsingen, und ungezählte Male habe ich es nun schon gehört. Und jedes Mal fasziniert mich dieses Werk wieder. Die Botschaft des Evangeliums von Gott, der Mensch wird, findet hier eine fantastische musikalische Umsetzung, die dazu einlädt einzustimmen: „Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan!“

 

Sebastian Weigelt, Riesa

Gemeinschaftspastor

 

 

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Bildnachweis: Gina_Janosch | pixabay.de