Loslassen: Vom Freiwerden und vom Festmachen

Die Dimension des Begriffs „Loslassen“ ist weit: „Freilassen“ steckt ebenso darin wie „aufbinden“, „losmachen“, „Freiheit geben“, „erlösen“ sowie „entjochen“‘. Die Entfaltung dieser Fülle findet sich in der Heiligen Schrift an vielen Stellen wieder.

 

Loslassen hat Konsequenzen

In der Geschichte des Volkes Israel stoßen wir auf ein Loslassen der größeren Art: Nach dem Auszug aus Ägypten begann ein mühsamer Weg, um in das verheißene Land zu kommen (Ex 12,37ff). Wenngleich der Blick in Richtung gelobtes Land gerichtet war, gab es auch Anlass, zurückzuschauen. Es sollten sogar Anführer eingesetzt werden, die die Rückkehr nach Ägypten sicherstellen sollten (Num 14,1ff). Loslassen kann schwer sein.

Loslassen geschieht, ob gewollt oder nicht: Adam und Eva mussten das Paradies ver- und damit loslassen (Gen 3,23f). Kain hat die Familie zu verlassen (Gen 4,14) und Noah samt seiner Familie lassen die Welt, wie sie sie bisher kannten los und begeben sich in die Arche (Gen 7,7). Abram wird von Gott weggesandt (Gen 12,1ff) und Josef wird nach Ägypten verschleppt (Gen 37,12ff). Gleich im ersten Buch der Bibel finden wir viele Beispiele, die mit „Loslassen“ zu tun haben.

Gleichzeitig haben sie aber auch immer mit Gott, seinem Wort und Willen zu tun: Der Auszug aus Ägypten wird geleitet durch Gott. Seine Begleitung geschieht sichtbar in der Wolken-bzw. Feuersäule (Ex 13,21f). Adam und Eva werden von Gott versorgt und eingekleidet (Gen 3,21), die Tür der Arche verschließt Gott selbst (Gen 7,16). Josef weiß seinen Weg nach Ägypten geborgen in Gottes Hand (Gen 50,20). Und bevor Josef sein „Ihr gedachtet’s böse mit mir zu machen; aber Gott gedachte es gut zu machen“ sprach, sagte er: „Fürchtet euch nicht, denn ich bin unter Gott.“ Die Unbill des Loslassens erklärt Josef durch das Getragen-Sein in Gott. Die Erfahrung, die Josef seinen Brüdern damit entfaltet, verdeutlicht ihnen, daß sein Festhalten an Gott, sein Sich-fest-machen in Gott, der Grund ist, warum sein Loslassen-müssen eine gute Wendung und ein gutes Ende haben konnten. Im Hebräischen heißt das Sich-fest-machen: glauben. Wenn das Loslassen eine Koordinate hat, einen Vektor, der Gott heißt, dann geschieht das Loslassen im Glauben, im Sich-fest-machen in Gott.

Und es ist Gott, der die Zuversicht und die Kraft gibt. Der jene unterstützt, die sich auf ihn verlassen und ihm treu sind, weil er wie ein Fels ist (Ps 62,3.7.8; 28,1; 31,3; u.ö.; Christus als Fels: 1 Kor 10,4), weil er treu ist (z.B. Ps 31,6; 1 Kor 1,9; 1 Joh 1,9) und weil er sie liebt (z.B. Jer 31,3; Eph 2,4; 1 Joh 4,8-19).

 

Loslassen und Festmachen

Das griechische Wort für Glaube im Neuen Testament hat die Bedeutungen „Vertrauen“ und „Treue“. Dies erwartet Jesus Christus von jenen, die ihm nachfolgen (Mk 8,34f). Die Nachfolge Jesu erfordert also das Festmachen in Ihm, unserem Herrn und Heiland. Damit ist ein wichtiger Aspekt des Loslassens, nämlich das Sich-fest-machen, als Anknüpfungspunkt in Christus gegeben. Er ist Start und Endpunkt des Loslassens.

Wie im ersten Buch der Heiligen Schrift, so finden wir auch im Neuen Testament sehr viele augenfällige Beispiele und Berichte vom „Loslassen“. Das Lukasevangelium berichtet vom Ernst der Nachfolge: „Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lk 9,62). Derjenige, der am Pflug zurückschaut, zieht krumme Furchen und verschwendet damit Ackerboden. Der Blick will auf Christus gerichtet sein, um die Arbeit im Reich Gottes gut zu tun. Hier bietet sich die Möglichkeit, sich selbstkritisch zu fragen: Richte ich mich wirklich nach dem Herrn und seinem Willen aus? Oder schaue ich auf meine Biographie, meinen Bauchnabel, meine Werke und lasse mich davon über Gebühr beeinflussen? Die Zukunft gehört Gottes Reich; das eröffnet uns Jesus mit seinem Evangelium. Das spricht nicht automatisch gegen Tradition, Herkunft und Geschichte. Schon gar nicht spricht es gegen Beständigkeit, z.B. in der Treue gegenüber Gott und den Versprechen (Gelübden), die man ihm gegeben hat. Auch sind die Kerninhalte des Glaubens nicht neu verhandelbar (Mt 5,17f). Es ordnet jedoch die Prioritäten im Leben eines Christen. Jene, die Christus nachfolgen, „sollen das eigene Ich mit seinen großen Ängsten und seinen kleinen Ansprüchen vergessen, ja verwerfen. … Sie sollen sich nicht selbst bekriegen und selbst besiegen, um ihr edleres, geistiges oder moralisches Selbst zu gebären. Sie sollen vielmehr ganz und allein auf den Menschensohn sehen, sich selbst ganz in ihm und nicht mehr in sich selbst erfahren.“ (Jürgen Moltmann). Da hört „das Kreisen um das eigene Ich, sei es im Stolz, sei es in Verzweiflung, auf“ (ebd.), weil jener, der Jesus nachfolgt, lernt und einübt, sich auf ihn und zu ihm hin zu ver-lassen und dabei sich selbst zu finden.

 

Festmachen ermöglicht Loslassen

Ein starkes, fast anstößiges Beispiel für Loslassen ist Abraham, der sogar bereit war, Gott seinen Sohn Isaak zu opfern. Wie konnte er nur? – Er konnte es, weil er felsenfest auf Gott vertraute! Er hat für sich zwei Dinge fest in seinem Herzen geklärt:

  1. Liebe ich den Herrn, meinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt und gebe ihm alles, was ich habe; selbst, wenn es mein allerliebstes ist? Ja selbst, wenn es mein Leben ist? Eigentlich müsste es ja „Zweitallerliebstes“ heißen, wenn ich Gott so sehr liebe! Bin ich bereit, Ihm alles zu geben?
  2. Vertraue ich auf die Zusage Gottes in jeder Situation? Vertraue ich gegen jeden Augenschein auf meinen Gott? Abraham hatte seine Prioritäten gesetzt. Dieses fest machen, dieser starke Glaube an Gottes Treue und Macht halfen ihm, auf den Altar am Berg im Land Morija zuzuschreiten. Paulus berichtet im Römerbrief von einem solchen Festmachen in Christus (Röm 8,35-39).

 

Loslassen, um anzukommen

Im Hebräerbrief lesen wir, daß alles Irdische losgelassen werden muss und wir auf die ewige Heimat im Himmel zugehen. „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebr 13,14). Auf dieser Erde gibt es keine Stadt, in der wir für immer zu Hause sein können. Auch dies ist Teil unseres irdischen Seins. „Mittendrin in der Welt – doch nicht von dieser Welt!“, so lautet die Ortsbestimmung. Loslassen bedeutet sich selbst zu überwinden – und hinzuwenden zu Gott. Nicht zufällig lautet die erste These Martin Luthers, dass „das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.“ Die Umkehr ist eine tägliche Aufgabe, sich, seine Gewohnheiten und seine Einstellungen zu prüfen und auf den Herrn und Heiland Jesus Christus auszurichten. Und dabei das Vorletzte vom Letzten zu trennen und den Blick auf die ewige Heimat bei Gott zu lenken.

 

Dr. Jörg Michel, Burgstädt

Landesinspektor

 

 

 

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