Was empfindet ein Kind, wenn sich die Eltern trennen? Was macht es mit einem, wie wird damit umgegangen? Wenn das ganze einige Jahre her ist, man selbst erwachsen ist, sind diese Fragen aus der eigenen Perspektive gar nicht mehr so leicht zu beantworten.

 

Aus Kinder-Sicht unglaublich

Ich bin von klein auf in der Gemeinschaft groß geworden. Meine Eltern und Großeltern waren „LKGler“. So hat auch mich die Sicht der Dinge geprägt, wie ich sie aus Sonntagschule, Gemeinschaft und Elternhaus gelernt habe. Folglich war es für mich ein innerer Konflikt, als die Ehe meiner Eltern zerbrach.

Meine Eltern hatten nie eine harmonische Ehe; es gab viel Streit. Grund dafür war am Ende wahrscheinlich, dass sich jeder in seinen Verpflichtungen allein gelassen fühlte und sich das immer wieder (auch gewalttätig) entlud. So kam es irgendwann zum unvermeidlichen Bruch zwischen meinen Eltern. Trotz dieser Umstände hätte ich nie geglaubt, dass in meiner Familie so etwas passieren könnte. Es kollidierte einfach mit meiner christlichen Erziehung: Gute Christen trennen sich doch nicht. Während ich dies schreibe, kommt mir ein Satz in den Sinn, den ich lange vor der Trennung meiner Eltern einmal gegenüber anderen Kindern gesagt habe: „Meine Eltern lassen sich nicht scheiden, wir sind Christen.“ Dieser Wertekonflikt war für mich, glaube ich, schlimmer, als die Trennung der Eltern selbst. Mit der Zeit habe ich durch diesen Konflikt gelernt, dass eben nicht immer alles schwarz und weiß ist und dass wir nicht vorschnell urteilen sollten.

 

Zwischen den Fronten

Wir waren in unserer Familie zum Glück gut aufgefangen, sodass der Verlust eines Elternteils (scheinbar) kaum weh tat. Den Verlust gab es so auch nicht, denn es wurde ohnehin bald unter Vermittlung des Jugendamtes eine Besuchsregel aufgestellt, an welchem Tag wir bei welchem Elternteil betreut werden, sodass wir beide Elternteile regelmäßig sahen. Das große gemeinschaftliche Familiengefühl hatten wir früher sowieso selten gehabt – das habe ich schon immer eher bei meinen Großeltern erfahren -, sodass ich auch diesen Punkt nicht vermisst habe.

Was mich allerdings belastete in dieser Zeit, war das Gefühl, zwischen den Fronten zu stehen. Wahrscheinlich bilden sich bei einer Trennung immer zwei Lager, die eher der Mutter oder dem Vater gegenüber Partei ergreifen. Ich war in der Zeit alt genug, um das alles nicht mehr nur mit kindlichen Augen zu betrachten. Es liegt sowieso in meiner Natur, zwischen Menschen und ihren Ansichten zu vermitteln und so habe ich auch damals schon die Berechtigung hinter allen gegenseitigen Anklagen gesucht. Oftmals konnte ich keinen eindeutig Schuldigen finden. So kam ich auch oft nicht umhin, den einen Elternteil vor dem jeweils anderen Lager zu verteidigen. Dabei musste ich feststellen, wie viel Sturheit und Bitterkeit zwischen Menschen herrschen kann. Eine Wahrheit, die ich als junger Christ verarbeiten und verstehen lernen musste.

 

Prägende Erfahrung

Bei all diesen Konflikten, denen ich mich in dieser Zeit ausgesetzt sah, bereue ich es heute, das Angebot psychologischer Unterstützung damals nicht angenommen zu haben. Aber ich war selbst eben auch stur genug zu glauben, dass ich das selbst verarbeiten kann. Mit Gottes Hilfe habe ich meinen Weg im Leben gefunden. Sicher wäre Manches einfacher gewesen, wenn ich auch menschliche Hilfe angenommen hätte.

Was ich mit relativer Sicherheit aus meiner Selbstbeobachtung heraus sagen kann ist, dass mich diese Zeit besonders in zweierlei Hinsicht geprägt hat: Einerseits habe ich gelernt, nachsichtiger mit den Schicksalen anderer zu sein und nicht alles nach „Buchstabe und Gesetz“ zu beurteilen, sondern auch tiefer zu schürfen und nach Hintergründen zu suchen. Andererseits bin ich dadurch mehr in mich zurückgezogen. Ich neige dazu vieles in mir selbst zu bedenken und andere selten an meinen Gedanken teilhaben zu lassen. Gerade dieser Punkt ist immer wieder ein Stolperstein in meiner Ehe.

Wie erwähnt, ist das alles schon länger her; ich bin inzwischen selbst glücklich verheiratet. Meine Eltern besuchen nicht mehr dieselbe Gemeinde, was die Wogen der unterschiedlichen Lager allmählich geglättet hat. Allerdings ist der Riss in der Familie nie verheilt, noch heute finden Familienfeiern immer zweimal statt, immer mit je einer Seite der Familie. Mit diesem Riss muss auch unser Kind aufwachsen, noch kann es ihn jedoch nicht wahrnehmen. Ich möchte alles daransetzen, dass es nicht die gleichen Erfahrungen wie ich machen muss.

 

Christian

(Name von der Redaktion geändert)

 

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Bildnachweis: Counselling | pixabay.de