Einige der Leser des SGB haben auf unseren Aufruf reagiert und uns persönliche Schilderungen aus der Wendezeit zugesandt.

 

Die Musikstadt Markneukirchen, meine Heimatstadt, war (pro Kopf der Bevölkerung gerechnet) die aktivste Stadt der DDR zur Wendezeit 1989. Durch persönliche „Mund zu Mund“-Einladungen standen am 07.10.1989 über 100 Bürger auf dem Markt­platz vor der Kirche mit brennenden Kerzen. Etliche Stasi-Leute beobachteten das Ge­schehen aus Hauseingängen, im Vorüberge­hen, ein Hund war, etwas verdeckt, in einem Motorrad-Gespann. Ein Polizeioffizier for­derte die „unerlaubte Zusammenrottung“ auf, sich aufzulösen. Aber bis fünf Personen durften zusammenstehen. Später kamen nochmal Jugendliche zusammen (als der Tanz zu Ende war), obwohl sie die Polizei nicht ins Stadtzentrum ließ.

Danach gab es jeden Montag Fürbitt-Gottes­dienste, obwohl unser Pfarrer vom „Rat des Kreises“ aufgefordert wurde, die Kirche zu verschließen. Jeden Mittwoch zog unser Demonstrationszug vom Bahnhof auf der Hauptstraße zur Kirche. Schon der De­mo-Zug umfasste ca. 6.000 Leute; die Ju­gend war voll dabei! Ein Genosse, beruflich Busfahrer, fuhr von hinten mitten durch die Demonstranten – eine grobe und gefährli­che Provokation. Einer aus unserer neuge­gründeten Bürgerinitiative meldete dies der Polizei. Man hörte, der Fahrer musste (vorü­bergehend?) seine Fahrerlaubnis abgeben …

In diesen Tagen wurden auch einige „Rä­delsführer“ von der Polizei „zugeführt“, sprich eingesperrt. Als ich mal nach einigem Stunden „außer Haus“ heimkam, berichtete mir meine Frau, dass die Polizei da war und nach mir fragte. Es war der Beginn der Zeit, wo schon unsere Demos von der Polizei ab­gesichert wurden und fast täglich positive Veränderungen begannen. So blieb es mir erspart, den DDR-Knast kennenzulernen …

Michael Thomae

Markneukirchen

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Bildnachweis: privat