Einige der Leser des SGB haben auf unseren Aufruf reagiert und uns persönliche Schilderungen aus der Wendezeit zugesandt. Wir haben sie in diesem und im vorhergehenden Heft abgedruckt.

 

Bis in die Adventszeit fanden Montags-Versammlungen statt, wo wir Bürgerrechtler vor der Kirche ins Mikrofon sprachen und unsere Forderungen nach freien Wahlen, Abschaffung der Sonderrechte der SED, Reisefreiheit usw. erhoben. Dabei kam ich mit einem anderen Musikinstrumentenbauer ins Gespräch. Es war immer bei unseren Demos spannend: Ist die Polizei da, um für „Ordnung und Sicherheit“ zu sorgen? Oder warten sie nur auf einen Grund, um einzugreifen? Für diesen Fall, sagte mir mein Berufskollege, sei er gerüstet. Da es schon dunkel war, zog er sein Hosenbein hoch und zeigte mir eine Axt, die er ans Bein gebunden hatte. Gott sei Dank, dass es bei uns und im Allgemeinen eine „Friedliche Revolution“ war!

Am 25.12.1989 traute ich meinen Augen kaum: Oben, auf dem Schornstein der Blechblasinstrumentenfabrik weht die Fahne in Schwarz-Rot-Gold! OHNE Emblem! Nach unserem Kirchturm die zweithöchste Stelle der Stadt! In der kalten Nacht war ein Handwerker mit Fahne und Stange hochgeklettert und hat sie an höchster Stelle befestigt – für Wochen und Monate! Zwischendurch hat er sie – weil Wind und Schnee sie zerfetzt hatten – noch zweimal erneuert. Der Genosse Betriebsleiter suchte verzweifelt einen Beschäftigten, der die Fahne herunterhole, aber keiner war dazu bereit. Selbst die 50 Mark „Prämie“, die er anbot, wollte keiner. Auch der Bezirksschornsteinfegermeister, ein Adventist, lehnte dankend ab: „Meine Aufgabe ist es, Schornsteine sauberzuhalten, aber nicht, etwas zu entfernen“, sagte er. In unserer Kleinstadt sprach es sich schnell herum („im Vertrauen“), wer der mutige Mann war. Bis heute wird er dafür von vielen sehr geachtet.

 

Michael Thomae, Markneukirchen

 

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Bildnachweis: privat