In loser Folge berichten ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter unseres Verbandes von ihrem Leben und Dienst. Heute ist Siegfried Schneider an der Reihe.

 

Ich sitze vor alten Kalendern. Und da kommen mit den Terminen die Erinnerungen. „Plauen, Donnerstag Morgenandacht.“ Nach meiner Andacht spricht mich der Leiter an und bittet, ihm Einiges aus meinem Dienst zu erzählen. Er ahnt nicht, wie gut mir das tut. Hier darf ich einfach erzählen und manches Bedrückende loswerden. Ein richtig guter Termin war das.

 

Nach meinem Einsatz in Plauen von 1976 bis 1990 zogen wir mitten ins Erzgebirge – Pockau. Dieser Einsatz dauerte bis 2002. Und ich lese: „Dienstag, Marienberg, LKU“ (Lebenskundlicher Unterricht). Ich bin zu diesem Dienst der Soldatenseelsorge gekommen, ohne richtig zuzusagen. In der Erzgebirgskaserne lerne ich einen Hauptfeldwebel kennen.  Wir erzählen. Ich merke, dass er zu Jesus Christus gehört. Und dann sagt er dies: „Ich habe einen Dienstherrn, der gibt mir einen Auftrag und den will zu Ehren meines himmlischen Dienstherren erledigen“. Der Satz hat was. Nicht alle Dienstaufträge in dieser Zeit waren leicht für mich. Aber „ich will sie zur Ehre meines Herrn ausführen“.

„Samstag, Heinzebank“. Wir beginnen mit den Abenden des Gesprächsforums „Leben und Glauben“. Wir laden Handwerker und Unternehmer der Region ein, sorgen für einen guten Saal und ein schönes Abendessen. Zuvor gibt es einen Vortrag. Der Satz des Referenten bleibt hängen: Wir sind darauf angewiesen, nicht nur zu bedenken, ob das, was wir sagen, auch stimmt. Wir müssen genau so intensiv überlegen, was der andere aus unseren Worten heraushört.

 

Und dann kam Leipzig – vom Dorf in die Großstadt! Und da gleich noch genau in die Mitte: Neue Umgebung, neue Kontakte, andere und unbekannte Leute. Wie gut, dass wir die Gemeinschaft hatten. Da waren wir sofort angekommen, fanden Geschwister, die uns in diesen Lebensabschnitt hineinhalfen. Im Kalender steht: „Bibelstunde im Altenheim“. Das wird schwierig!  Ein großer Raum mit kleiner Küche, etliche Sitzgruppen und als Besucherraum bestens genutzt. Die Mitarbeiter bringen die verschiedenen alten Menschen in den Raum, an den Tisch, der irgendwie verloren im Raum steht. Und die Leute sind eben wie in einem Altenheim. Und los geht’s ! Singen? Der CD-Player hilft. Aber die meisten singen nicht; andere haben die Lieder nie gehört. Wir sind nicht im Gemeinschaftshaus. Also Singen im Duett: Ich und der Player. Dann in der anderen Ecke ein Geburtstagsbesuch. Hier Bibelstunde halten? Ja! Denn ich sage ein Wort, dass nicht einfach dahergeredet ist. Und immerhin hören die anwesenden zwei Mitarbeiter der Ergotherapie zu. Eine sagt irgendwann: „Danke für die Andacht …“ – Was steckt alles hinter diesem Satz?

 

Die Verabschiedung kam im Oktober 2013. Gerade an diesem Tag brachte unser Inspektor die Baugenehmigung für das neu geplante Leipziger Gemeinschaftshaus. Gott machte uns ein riesiges Geschenk: Diese Gemeinschaft erfuhr, dass Gott neue junge Leute in die damals nicht ganz jugendgemäßen Gemeinschaftsstunden und in den fast nicht mehr vorhandenen Jugendkreis führte. Es kamen andere dazu, irgendwann kam ein kleiner Kinderkreis zustande. Weil der Chor an seinem 100. Geburtstag das letzte Mal sang, fand sich ein wenig später ein Projektchor mit Alten und Jungen zusammen. Und in dieser Gemeinschaft wechselte die Stimmung. Nicht mehr die Frage „Wie lang wird es uns noch geben“ sondern „Wo zeigt uns Gott einen neuen Weg?“ Ein neues Haus, wo Platz ist für alle diese Gruppen. Denn der Platz im alten Haus war eingeschränkt und die Grünfläche bestand aus Straße und Bürgersteig. Das war nicht gerade attraktiv für Kinder, Jugendliche und Familien. Es begannen die Überlegungen. Die Zustimmung der Verbandsleitung kam, ein Platz wurde gefunden und dann kam die Baugenehmigung. Es war ein großes Geschenk unseres Herrn. Ein schöner Abschied! Ich durfte diesen Auftrag zur Ehre Gottes bis zu diesem Punkt bringen.

 

Und zuletzt: Einzug in die neue Wohnung in Radebeul. Sie war noch nicht ganz fertig, aber da wir das ja nicht das erste Mal erlebten, nahmen wir es gelassen. Über der Tür hängt ein Spruch, der uns seit unserer Zeit in Plauen begleitet hat: Der Haussegen meiner Eltern. Sie hatten ihn 1939 in ihrer ersten Wohnung aufgehängt. Mein Vater wurde im Januar 1940 eingezogen und musste 1941 an dem schlimmen Krieg gegen Russland teilnehmen. Aber – Gott sei Dank – wurde er getroffen, bevor diese Einheiten vor Moskau standen und dort erfroren. Verwundet und „Heimatschuss“. Er wurde noch zurück ins Lazarett nach Deutschland transportiert. Schwer verletzt und bis zum Ende des Krieges nicht mehr an der mörderischen Front! Und meine Mutter hat sich ungezählte Male den Spruch angeschaut: „Sorg, aber sorge nicht zu viel. Es kommt doch wie Gott es haben will.“ Das hat ihr Mut und Kraft gegeben. Und uns auch!

 

Siegfried Schneider

Radebeul

 

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Bildnachweis: stevepb | pixabay.de