Geliebter „Osten“

SGB: Im Ruhestand haben Sie ein neues Kapitel aufgeschlagen: Ende 2018 sind Sie nach Brandenburg an der Havel gezogen, um dort unter anderem an einem Gemeindegründungsprojekt des Gnadauer Verbandes mitzuwirken. War das ein langgehegter Wunsch, im Osten des Landes missionarisch tätig zu sein? Oder haben Sie aus Abenteuerlust eine günstige Gelegenheit beim Schopfe gepackt?

Helmut Matthies: Meine Frau ist im Mai 2018 heimgegangen. Das war natürlich ein dramatischer Einschnitt in meinem Leben. Ich musste mich völlig neu orientieren. Da habe ich mir einen langgehegten Wunsch erfüllt, in den von mir geliebten „Osten“ zu ziehen. Ich bin in einem Dorf nahe der niedersächsischen Stadt Peine geboren und aufgewachsen. Meine Eltern hatten eine Waldwirtschaft. Meine Mutter litt kriegsbedingt an Tuberkulose und musste das halbe Jahr in Sanatorien verbringen. Mein Vater hatte mit meinen beiden Geschwistern und mir Mühe zurechtzukommen. So hieß es bei uns dann immer: „Ab in den Osten!“ zu meiner Großtante, der Schwester meiner schon früh verstorbenen Großmutter. Bei meiner Großtante habe ich viele Ferien in Milow bei Rathenow im Havelland verbracht. Diese Zeit in der DDR hat mich mehr geprägt als mein Leben im Westen. Nach meinem Abitur bin ich sofort zum Theologiestudium nach West-Berlin gegangen, um nah am „Osten“ sein zu können. Während meiner idea-Zeit war ich Reisekorrespondent, d. h. man wohnte im Westen und besuchte Veranstaltungen im „Osten“ – wenn man denn ein Visum bekam. Ich habe es für faktisch jede Synode in der DDR beantragt. In etwa jedem zehnten Fall bekam ich dann tatsächlich auch eine Einreiseerlaubnis. Ich habe in den 80er Jahren so gut wie alle Landesbischöfe interviewen können – teilweise unter dramatischen Umständen, beispielsweise auf einer Toilette, da nur dort die Stasi dem Bischof nicht folgte. Auch mich begleitete in der DDR die Stasi, wie meine Akten ergaben. Ein für die Stasi arbeitender, vermeintlich evangelikaler Ostberliner Pfarrer hat dann sogar einen Haftbefehl gegen mich erwirkt. Nur dank des Mauerfalls wurde ich nicht verhaftet. Zum Umzug beigetragen hat auch, dass ich 2017 mitbekam, dass in einer Arbeitersiedlung in Brandenburg an der Havel ein ehemaliger Missionar aus Schwaben und seine Frau mit Hilfe von Spendern eine über eBay angebotene, bereits entwidmete kleine katholische Kirche gekauft hatten. Dort wollten Sie eine Gemeinde gründen. Ich habe darüber in idea auch ausführlich berichtet. Das Ehepaar – Hans-Martin und Beate Richter – hat mich mit seinem Engagement so fasziniert, dass ich mich entschlossen habe, dort mitzumachen. Schlussendlich habe ich noch aus missionarischen Gründen einen kleinen Modeladen in Brandenburg an der Havel übernommen.

 

Offenbar haben Sie auch schon die Aufmerksamkeit der Lokalzeitung auf sich gezogen: Einem Artikel der „Märkischen Allgemeinen“ zufolge halfen Sie einem bewusstlosen Mann, an dem alle anderen Passanten achtlos vorbeimarschiert sind …

Ich bin ja schon früher oft in Brandenburg an der Havel gewesen. Von daher habe ich auch schon länger Kontakt zur „Märkischen Allgemeinen“. Als sie von dem Vorfall mitbekam, hat sie darüber berichtet.

 

Wie sehen Ihre Aufgaben innerhalb des Gemeindegründungsprojektes aus?

Ich bin zunächst einmal Mitglied des Trägervereins und beteilige mich beim Erwerb von Spenden für unser Projekt und – was mir sehr viel Freude macht – an Bibelentdecker- Kursen, die wir fast jeden Sonntagabend anbieten. Da geht es darum, Bürger, die sich für den christlichen Glauben interessieren, an die Bibel heranzuführen. Diese Arbeit hilft auch mir selbst geistlich sehr, werden doch hier Fragen aufgeworfen, auf die ich oft selbst so gar nicht gekommen wäre. Beispielsweise wurde ich gefragt, was Jesus eigentlich am Karsamstag getan hat. Oder warum Gott nur Israel zu lieben scheine und nicht auch das deutsche Volk oder die Araber. Das führt auch bei mir dazu, dass ich mich noch mehr mit der Heiligen Schrift beschäftige.

 

idea als Berufung

Als Chef von idea hatten Sie keinen 8-Stunden- Arbeitstag. Sie standen oft unter Strom und haben zwei Schlaganfälle erlitten. Trotzdem – ist die Befriedigung im Ruhestand größer, wenn man weiß: Ich habe alles gegeben im Job?

Ich will nicht klagen. Trotz zahlloser Anfeindungen habe ich gern gearbeitet. Idea war und ist – inzwischen bin ich Vorsitzender des Trägervereins – meine Berufung. Sonst hätte ich das auch gar nicht durchhalten können.

 

Für Ihre journalistische Arbeit sind Sie mit Preisen geehrt worden, Sie waren aber auch immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. Ihre Berichterstattung hat polarisiert bei Themen wie Homosexualität, Genderfragen oder AfD. Bereuen Sie rückblickend den ein oder anderen scharfen Kommentar?

Natürlich bedauere ich manches, was ich in 40 Jahren an Kommentaren geschrieben habe. Man lernt ja auch nicht aus. So habe ich im Laufe der Jahre christliche Homosexuelle kennengelernt. Sie haben sich – was mir so nie bewusst war – oft jahrelang mit Hilfe von Seelsorgern und Psychologen vergeblich bemüht, heterosexuell zu werden. Im Gegensatz zu früher meine ich, dass Homosexualität tatsächlich bei manchen Menschen angeboren ist und Änderungsversuche nicht helfen. Das bedeutet nicht, dass ich für die Segnung von homosexuellen Paaren wäre. Denn man kann nicht segnen, was Gott nicht gesegnet haben will. Aber das Verständnis für die Situation Homosexueller ist natürlich gewachsen. Zum Thema AfD: Hier geschieht viel Heuchelei. Die Kirchen reden selbstverständlich mit der sozialistischen „Linken“, also der SED-Fortsetzungspartei, deren Diskriminierungspolitik dazu geführt hat, dass die Zahl der Kirchenmitglieder in der DDR von rund 94 Prozent 1946 auf etwa 20 Prozent zurückging. Warum redet sie dann nicht auch mit der AfD – die ihr bisher nicht geschadet hat? Es gibt leider nicht nur eine „Politische Korrektheit“, die die Meinungsfreiheit immer mehr einschränkt. Noch schlimmer ist vor allem in der EKD die noch immer anwachsende „Kirchliche Korrektheit“, die geradezu peinlich ist. Ausgerechnet in der Kirche darf man häufig nicht mehr sagen, was man denkt – was besonders das Thema Migration anbetrifft. Sofort wird die Nazikeule geschwungen. Die sächsische Landeskirche hat für mich den derzeit glaubwürdigsten Landesbischof in der ganzen EKD.

 

Vierzig Jahre waren Sie im Beruf immer „up to date“; christliche Trends, Irrungen, Highlights und Tiefpunkte – alles lief über Ihren Schreibtisch. Was sagen Sie heute: Worauf kommt es an im Leben?

Man lernt immer mehr im Leben, dass letztlich einzig die Verbindung zu unserm Herrn Jesus Christus trägt. Freunde können kommen und gehen. Der Ehepartner kann – wie in meinem Fall – heimgehen. Das Einzige, was immer bleibt, ist unser Herr. Und die Verbindung zu ihm zu pflegen, darauf kommt es im Leben an.

 

Helmut Matthies

leitete von 1978 bis 2017 die evangelische Nachrichtenagentur idea, seit Februar 2018 ist er ehrenamtlicher idea-Vorstandsvorsitzender. Ende 2018 zog Helmut Matthies nach Brandenburg an der Havel und engagiert sich dort in einem Gemeindegründungsprojekt.

 

Die Fragen stellte Regina König-Wittrin im September 2019.

 

 

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Bildnachweis: Bru-nO | pixabay.de