„Nicht einfach wegwerfen, sondern in Gottes Hände legen“

Loslassen aus seelsorgerlicher Sicht

 

Viele Menschen haben den Eindruck, dass nicht nur Terminkalender, Kühl- und der Kleiderschrank, sondern Kopf und Seele zu voll sind. Das Bedürfnis, etwas loszulassen, wächst proportional mit dem entstehenden Schmerz. Soll ich die Arbeitsstelle wechseln, weil mir das Betriebsklima nicht guttut? Soll ich meine Mitarbeit in der Gemeinschaft beenden, weil mir die Meinungsverschiedenheiten zu schaffen machen? Soll ich meine Eltern ins Pflegeheim geben, weil mir die Belastung zu viel wird? Wer solche Fragen kennt, weiß auch, dass es keine allgemeingültige Lösungsformel gibt. Auf jeden Fall kann es nicht der weiseste Rat sein, alles Störende und Beschwerliche einfach loszulassen. Paulus gibt einmal den Korinthern einen Maßstab mit, der auch uns hilft: Ist es gut? Hilft es weiter? Nimmt es mir die Freiheit? (1 Kor 6,12; 10,23)

Wenn mein Verhalten niemandem nützt, oder schlimmstenfalls mir und anderen schadet, besteht Handlungsbedarf. Wenn mich sorgenvolle Gedanken verfolgen und mir den Schlaf rauben; wenn die Bitterkeit im Herzen und die Vorwürfe gegen mich und gegen andere das Leben vergiften; wenn ich merke, wie Dinge oder Gedanken von mir und meiner Zeit Besitz ergreifen, – dann muss ich loslassen. Wenn das so einfach wäre!

 

Bevor ich etwas loslassen kann, muss ich es in der Hand haben. Ich rede hier nicht nur von Dingen und physischen Lasten, sondern auch von Verhaltensweisen, Gedanken, Erinnerungen und auch von eigener und fremder Schuld.

Manches wurde uns in die Hand gedrückt: Da trägt ein Mensch stumm und schwer an der Missbrauchserfahrung in seiner Kindheit. Er hat gelernt: Darüber spricht man nicht! Dieses Redeverbot hat der junge Mensch angenommen, weil er sonst die Verbundenheit der Familie aufs Spiel gesetzt hätte. Das Tabu hat also für ihn einen Sinn, auch wenn es zur schier unerträglichen Last wird.

Oder wir haben Dinge selbst in die Hand genommen: Da ist der Mann, der eigentlich gern arbeitet und für andere da ist, sich aber zunehmend eingeengt fühlt von den vielfältigen Pflichten und Abhängigkeiten. Der nur noch funktioniert und kaum eigene Kontrolle über seine Lebensplanung hat, bis ihn der Herzinfarkt aus dem Rennen nimmt.

Mit diesen sehr verkürzten Beispielen soll nur deutlich werden: Die Lasten in unseren Händen und auf unserer Seele haben wir irgendwann mit guten Gründen in unser Leben geholt. Es erschien uns damals als das Sinnvollste und Nützlichste. Nun ist es aber an der Zeit, die Dinge und Gedanken genau anzuschauen und zu fragen: Warum schleppe ich das mit mir herum? Warum war oder ist das für mich wichtig? Denn es ist wichtig. Sonst würden wir es nicht tragen.

 

Wichtig sind für uns Dinge, die uns als Person ausmachen. Das sind nicht die Sachfragen, sondern die Grundbedürfnisse des Menschseins. Der Neurobiologe Gerald Hüther nennt hier die Sehnsucht nach Verbundenheit mit anderen Menschen und den Wunsch, die Dinge um uns herum zu gestalten. Das sind zugleich Sehnsüchte, die unserer Gottesebenbildlichkeit entsprechen. Wir zur Gemeinschaft mit Gott und anderen Menschen geschaffen und haben den Auftrag, die Schöpfung zu bewahren und zu gestalten. Werden wir daran gehindert, kommt das Leben aus der Balance. Und wir suchen nach einem Ausweg. So geschieht es, dass das Kind auch als Erwachsener nicht am Tabuthema rührt, weil die Angst da ist, aus der Verbundenheit herauszufallen. Und wer keinen Gestaltungsspielraum mehr hat, verliert das seelische Gleichgewicht.

Sorgen und Ängste des Lebens hängen eben mit diesen Grundsehnsüchten zusammen. Manches Suchtverhalten am PC oder im Hobbykeller entschuldigt man dann damit, wenigstens etwas für sich tun zu wollen. Dinge, die wir in unseren Häusern und Garagen sammeln, geben uns das Gefühl, in der Not noch handlungsfähig zu sein. Was anfangs als Lösung erschien, versperrt aber den Weg zu einem wirklich erfülltem Leben.

Ich muss klären: Was hat die Last meines Lebens mit diesen beiden Bedürfnissen zu tun? Und: Wo bin ich bei der Suche nach Erfüllung auf Abwege geraten?

 

Loslassen kann nur, wer sich gehalten weiß.

Wer loslässt, verliert immer etwas. Ich habe es nicht mehr „in der Hand“ und kann es deshalb auch nicht „im Griff“ haben. Diese schmerzliche Erkenntnis weist uns über die Grundsehnsüchte hinaus: Nicht ich habe mein Leben in der Hand, sondern mein Leben ist in der Hand des lebendigen Gottes. Jesus wirbt darum, der Liebe des himmlischen Vaters zu vertrauen. Sorgen und Lasten sollen wir nicht einfach wegwerfen, sondern in Gottes Hände legen (1. Petr 5,7). Nur wer sich gehalten weiß, kann loslassen. So entsteht Gelassenheit.

 

Jonas Weiß, Bautzen

Gemeinschaftspastor

 

 

 

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