Einige der Leser des SGB haben auf unseren Aufruf reagiert und uns persönliche Schilderungen aus der Wendezeit zugesandt. Wir haben sie in diesem und im vorhergehenden Heft abgedruckt.

 

Es ist Christi Himmelfahrt 1990. Dieser Feiertag ist erstmals seit Jahrzehnten wieder ein Feiertag in der Noch-DDR. Mit einem älteren Bergfreund bin ich in Berlin. Wir sollen sowjetische Alpinisten in Empfang

nehmen. Sie wollen Berlin kennenlernen und anschließend weiterreisen in das Elbsandsteingebirge.

Wir sehen uns die Berliner Mauer an. Sie ist bereits durchlässig und auch sehr brüchig. Die eigentliche Substanz – Beton und Stahl – steht noch immer, ein widerliches Zeichen der Deutschen Spaltung. An vielen Stellen sind die berühmten Mauerspechte am Werk. Mit Hammer und Meißel ist das ein mühsames Unterfangen. Neben mir steht ein altbundesdeutscher Mauerspecht mit super Werkzeug. Er bearbeitet die riesige Betonplatte mittig. Von der Meißelspitze spritzen nur winzige Staubteilchen. Nach einiger Zeit blickt er zu mir. Ich bin dabei, die Mauerfuge zwischen zwei Platten aufzubrechen und dann von der Seite ein Mauerstück herauszuschlagen. Es gelingt. Er fragt erstaunt: „Sie sind wohl Steinmetz?“ Bin ich nicht.

Am Abend fahren wir mit unseren Bergfreunden ins Elbsandsteingebirge. Bei der Verabschiedung schenke ich der Leiterin der Truppe zwölf Neue Testamente in russischer Sprache mit der Bitte, die an ihre Bergfreunde zu verteilen. Diese waren – neben Bibeln in Englisch, Vietnamesisch und Spanisch – eines Tages in unserem Hausflur abgestellt worden. Bis heute ist das mir ein Rätsel. ZWÖLF Neue Testamente und ZWÖLF Bergfreunde: Ich sehe hier die Regie unseres großen Gottes.

Für diesen Besuch in der DDR bekommen wir eine Gegeneinladung für eine Bergfahrt in die damalige Tadschikische SSR. Im August 1990 treffen wir nach 32-stündiger Zugfahrt auf dem Westbahnhof in

Moskau ein. Hier fällt mir Wladimir, ein russischer Alpinist, um den Hals. Er sieht mit seiner Glatze tatsächlich dem Sowjetführer Lenin sehr ähnlich. Der bedankt sich im Namen seiner Frau für das russische Neue Testament – EINES davon hat damit sicher das Ziel erreicht. Ich bin sehr gespannt, was am Ende der Zeit einmal für Spuren sichtbar werden. Über den ehrlich und doch oft leicht daher gesagten Bergsteigergruß „Berg Heil“ kann Gott das wahre HEIL an den Mann oder die Frau bringen. Die Gute Nachricht des Neuen Testaments ist auf jeden Fall geeignet, in welcher Sprache auch immer.

 

Frieder Weber, Großolbersdorf

 

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Bildnachweis: privat