Weihnachten – das Meisterstück von „Unperfekt“

Auch in diesem Jahr dürften sie nicht mehr lange auf sich warten lassen: die stimmungsvollen, sentimentalen Hochglanz-Weihnachts-Videos. Sie werden mein Handy fluten und versuchen mich emotional auf Weihnachten einzustimmen. Oder Erinnerung zu wecken. Oder Mitleid zu erzeugen. Oder…

Ich bin gewiss kein Weihnachtsmuffel; ich bin ja im Erzgebirge aufgewachsen. Ich find es nicht einmal schlimm, wenn es schon seit September Pfefferkuchen zu kaufen gibt. Ich muss sie ja nicht kaufen. Aber die Hochglanz-Inszenierungen dieser Videos regen mich doch zunehmend auf. Warum? Weil sie falsch sind und weil sie auf die Dauer Menschen kaputt machen. Es ist alles immer so perfekt, so sauber, so rein. Selbst der Schmutz und das Leid – alles attraktiv.

Damit hält mein Leben nicht mit. Und unsere Gemeinde schon gar nicht. Wir sind so normal und unperfekt, so voller Fehler und alltäglich. Wenn ich die Videokultur des Internets sehe, dann komm ich mir mit unseren Bibelstunden (schon der Name – o weh!) und Gottesdiensten ganz klein vor. Damit kann man nicht konkurrieren. Und dann passiert es immer und immer wieder: Wir vergleichen und werden unzufrieden und immer unzufriedener – mit dem, was wir tun, mit uns selbst und schließlich auch mit Gott. Und ich merke, wie Menschen um mich herum an ihren Ansprüchen zerbrechen und ihnen die Freude genommen wird: die Freude am Miteinander, am Mitmachen und auch die am Evangelium.

Denn das Weihnachtsevangelium heißt: „Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands …“ (Tit 3,4) Weihnachten ist so unperfekt! Gottes Liebe lässt sich sehen im Stall, in dem es auch nach Stall riecht, in einer Futterkrippe die vermutlich nicht desinfiziert wurde und bei Hirten, die alles andere waren als philosophisch angehauchte Romantiker. Gott erscheint und in seinem Licht sehe ich mich als den, der Weihnachten braucht, der Vergebung und Frieden nötig hat – und Neuanfang. Wollen wir das den Menschen zeigen? Gott ist so freundlich; du musst dich nicht auf Hochglanz polieren und dein Weihnachten auch nicht. Du sollst nur kommen und heil werden.

 

Ein gesegnetes Weihnachten, euer

 

Reinhard

Vorsitzender des Sächsischen Gemeinschaftsverbands

 

 

 

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Bildnachweis: congerdesign | pixabay.de