Von der Antwort auf diese Frage hängt viel ab. Das Ziehen der Bilanz gehört zu den immer wieder vorzunehmenden Analysen. Diese Frage kann ich nicht unabhängig, also „außerhalb von mir“, quasi wissenschaftlich, beantworten. Ich bleibe bei meinen Sichtweisen, meinen Gewohnheiten, meinen Schleich- und Umwegen. Andererseits kann mir aber die Beantwortung dieser wichtigen Frage niemand abnehmen. Wie komme ich für mich darauf, festzustellen, wo ich stehe und was wirklich zählt?

 

Faires und anständiges Vorgehen

Das Ziehen der Bilanz kann wohl nur dann aufrichtig und nüchtern erfolgen und damit ein gutes Licht auf die Bilanz werfen, wenn es in Lauterkeit vollzogen wird. „Lauter“ bedeutet dabei rein, aufrichtig, klar, heilig. Die Rede (auch über sich selbst) soll „rein“ (Hiob 11,4) und „aufrichtig“ (Hiob 33,3) sein, um vor Gottes Augen als lauter zu gelten. So wird die Lauterkeit auch in Verbindung mit Wahrheit (1 Kor 5,8), Einfalt (2 Kor 1,12), Erkenntnis (2 Kor 6,6) und Einfalt bzw. Reinheit der Gedanken (2 Kor 11,3) zusammengebracht. Bei der Selbstbetrachtung und -prüfung geht es also um ein ehrliches wie auch faires und anständiges Vorgehen sich selbst gegenüber – und gegenüber Gott.

 

Ein notwendiger Spiegel

Wir sind Geschöpfe Gottes und kennen sein Wort, „… denn in ihm leben, weben und sind wir.“ (Apg 17,28). Die Betrachtung meiner selbst in Richtung auf mich einerseits und auf Gott andererseits gelingt, wenn ich ein Hilfsmittel zur Hand nehme. Dieses ist bei Selbstbetrachtungen zweckmäßigerweise ein Spiegel. Ich benötige jedoch einen ganz bestimmten Spiegel und eine geeignete Betrachtungsweise. Es ist erforderlich, dass ich nicht den Spiegel selbst ansehe, den Spiegel samt Rahmen betrachte oder die Rückseite bestaune. Ich muss mich in dem Spiegel wirklich selbst ansehen. Und das Licht, das ich benötige, um klar und deutlich zu sehen, bringt dieser besondere Spiegel selbst mit: Dieser Spiegel ist nichts anderes als das Wort Gottes (Jak 1,22–25).

Sein eigenes „leiblich Angesicht im Spiegel“ (Jak 1,23) zu beschauen führt zur Erkenntnis, wie ich „gestaltet war“ (Jak 1,24). Wer da hineinschaut sieht das Gesicht seiner eigenen Herkunft. Er sieht seine bisherige Lebens- und Sündengeschichte. Er erkennt, wer er nach seiner geistigen Herkunft ist, wie es in seinem inwendigen Menschen aussieht. Wer in diesem Spiegel erkannt hat, wie es um ihn steht, der hat zwei Möglichkeiten. Geht er wieder so weg wie er kam, vergisst er die Erkenntnis und hat umsonst in diesen Spiegel geschaut (Jak 1,24). Jener aber, der die Erkenntnis des Spiegelblicks behält, der geht nicht wieder so weg, wie er gekommen ist. Er nimmt Gottes Wort wahr und erarbeitet es so, dass es ihm dienlich ist (Jak 1,25). Er erkennt, wie er von seinem Schöpfer her gemeint ist. Er erfährt die Kraft des Wortes Gottes, die ihn zu sich ziehen will, ihn in Richtung seiner göttlichen Bestimmung hinführen will.

Gottes Wort, so betrachtet, überführt den Betrachter nicht nur, es beruft ihn auch! Erst im Lichte dessen, der mich gemacht hat, bin ich in der Lage, aus mir und meinen Gewohnheiten herauszukommen. Ich kann mich wirklich sehen und neben diesem Standort auch einen Zielort, einen Bestimmungsort erhalten. Dieser Zielort erfüllt zwei Funktionen: er dient als Füllhorn des Evangeliums und schenkt mir jene Informationen, die dazu gedacht sind, mich in Richtung göttlicher Bestimmung zu entwickeln. Meine Abweichungen davon darf ich bemerken und in die zukünftig zu ändernden Dinge eingruppieren. Zweitens erfüllt dieser Zielort die Funktion eines Leuchtturms, der mir neue oder altbekannte, aber auf jeden Fall notwendige Wegführung schenkt, ohne die ich mich in den Ebenen und Unwegsamkeiten der Welt verirren würde.

Gottes Wort ist unabdingbare Hilfe für uns. Wir können unseren Stand und uns selbst wie unsere Beziehung zu Ihm lauter und für uns dienlich einschätzen. Dabei erhalten wir gleichzeitig Anleitung, die richtigen, also gottgefälligen Schlüsse zu ziehen, die Auswirkungen auf die nächsten Schritte und das weitere Leben haben werden

 

Der Startpunkt

Die Paulus gemäße Selbsteinschätzung zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen ganz gewissen Startpunkt hat. Paulus benennt ihn selbst: „Denn ich sage euch durch die Gnade, die mir gegeben ist […]“ (Röm 12,3). Die rechte geistliche Selbsteinschätzung steht im Bewusstsein der Gnade, die Gott uns geschenkt hat. Darüber hinaus ermahnte Paulus die Christen in Rom, „[…] dass niemand weiter von sich halte, als sich‘s gebührt zu halten, sondern dass er von sich mäßig halte, ein jeglicher, nach dem Gott ausgeteilt hat das Maß des Glaubens.“ (Röm 12,3) Jeder soll sich so einschätzen, „wie es sich gebührt“, also wie Gott ihn für das Glaubensleben ausgerüstet hat. Das wehrt der eigenen fälschlichen Überschätzung genauso, wie es dazu auffordert, sich in geistlichen Dingen nicht zu unterschätzen. Es lässt uns danach schauen, welche Gaben einem gegeben sind und wie sie eingesetzt wurden und werden. Zu den Fragen, die sich bei einer Bilanz stellen können, gehört dann auch, zu überlegen, ob wir nicht eher in der Gefahr stehen, dass wir den Gaben, die wir von Gott erhalten haben, zu wenig zutrauen. Haben wir unsere Gaben gut eingesetzt?

 

Umgang mit Verfehlungen

Paulus ist sich seiner eigenen Geschichte wie auch des Wesens der Menschen bewusst: Trotz bester Vorsätze geschieht nicht das Gute, sondern das Böse wird vorangetrieben (Röm 7,19). Das Ergriffensein von Gottes Wort und Geist hebt das Menschsein nicht auf; Irrtümer und Schuld sind damit nicht aus der Welt. Es wird bei der eigenen Bilanzziehung nicht ausbleiben, eben diese Stellen des eigenen Werdegangs in den Blick zu nehmen. Diesem nimmt sich Paulus im Galaterbrief (Gal 6) an. Die eigenen Verfehlungen sind in den Blick zu nehmen und die Wachsamkeit ihnen gegenüber sollte groß sein (Gal 6,1). Der Glaube bewährt sich in der Bereitschaft, sich der Schwächen des Anderen anzunehmen und mitzutragen. Die Verfehlungen werden unter die sanftmütige Hilfe der Gemeinschaft gestellt. Diese Zuwendung erweist sich als trost- und hilfreich im Angesicht der eigenen Unzulänglichkeiten. Das Ziehen der Bilanz braucht sich daher der eigenen Unzulänglichkeiten nicht zu fürchten.

 

Der Ausblick

Nehme ich den Spiegel der Worte Gottes in die Hand und versuche in Lauterkeit die Bilanz zu ziehen, so stelle ich mich hinein in Gottes Anrede an mich. Jakobus hebt hervor, dass wir als Hörer und Täter des Wortes Gottes dabei Einblick in das vollkommene Gesetz der Freiheit bekommen (Jak 1,25), d.h. unser Leben der göttlichen Bestimmung gemäß leben zu können. Dabei ist unser Herr und Gott selbst ein treuer Helfer: „Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz; prüfe mich und erfahre, wie ich‘s meine. Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.“ (Ps 139,23). Wer in Gottes Gemeinschaft, in Seine Gnade und Seine Wahrheit, eingeschlossen ist, darf Gottes Gerechtsprechung vertrauen. Er darf wissen, „dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ (Röm 8,28).

 

Jörg Michel

Burgstädt

Landesinspektor

 

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