Das Geheimnis der Dreieinigkeit Gottes
Warum 1+1+1 manchmal auch EINS sein kann
1. Das geheimnisvolle Bild
Als ich die Kirche des Klosters Neuzelle betrat, kam ich im Eingangsbereich an einem merkwürdigen Bild vorbei. Eher unbewusst streifte es mein Blick. Als ich vorübergegangen war, blieb ich irritiert stehen und fragte mich, was ich da eigentlich gesehen hatte. Unwillkürlich ging ich zurück. Dann kam das große Staunen! Betrachtete ich das Bild von rechts, sah ich einen bärtigen Mann vor einem goldenen Strahlenkranz, in der linken Hand eine Kugel, den Zeigefinger der rechten Hand erhoben. Stellte ich mich genau in die Mitte vor das Bild, zeigte es plötzlich eine vom Himmel herabkommende Taube. Ging ich ein paar Schritte weiter nach links, sah ich einen jüngeren bärtigen Mann, der ein geteiltes Brot in seinen Händen hielt. Immer wieder wechselte ich die Perspektive. Immer wieder wechselte der Bildinhalt. War es nun ein Bild oder waren es drei Bilder? Die Dame, die uns durch das Kloster führte, lüftete das Geheimnis. Es handelte sich um ein sogenanntes „Dreifaltigkeitsbild“. Dem Betrachter soll mithilfe eines solchen Kunstwerkes das Geheimnis der Dreieinigkeit Gottes nähergebracht werden. Schaut man von rechts, sieht man den Vater. Schaut man von der Mitte, sieht man den Heiligen Geist. Schaut man von links, sieht man den Sohn. Durch eine geschickte Konstruktion innerhalb des Bildes wird gezeigt, dass ein ungeteiltes Ganzes gleichzeitig in drei unterschiedlichen Erscheinungsformen auftreten kann. Genau darum geht es bei der Lehre von der Dreieinigkeit Gottes.
Zu Trinitatis feiern wir die Dreieinigkeit Gottes, die man mit der Formel „Gott ist ein Wesen in drei Personen“ zusammenfasst. Diese Formel entzieht sich anders als die Weihnachts- oder Osterbotschaft so stark unserer Vorstellungskraft, dass selbst der schlaue Theologe Melanchthon sagte: „Es ist angemessener, die Geheimnisse Gottes anzubeten, als sie zu erforschen“.
2. Die Offenbarung der Dreieinigkeit
Frage 1: Wenn die Dreieinigkeit die Wirklichkeit Gottes beschreibt, warum gibt es dann keine ausführliche Beschreibung der Dreieinigkeit in der Bibel?
Antwort: Gott gibt sich, sein Wesen, seinen Willen und seine Taten den Menschen zu erkennen. Das nennt man Offenbarung. Die Offenbarung Gottes erfolgt schrittweise. Gott hatte sich in 2Mo 3,14 mit dem Namen vorgestellt: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Damit gab er den Menschen einen großen „Bilderrahmen“ vor, der sich im Laufe der Jahrhunderte mit vielen Puzzleteilen füllte. Im Alten Testament begegnet Gott den Menschen vorwiegend als ein gerechter, strafender, aber auch segnender und bewahrender Gott. Im Neuen Testament kommen viele neue Puzzleteile hinzu. Gott begegnet uns in Jesus Christus als der Sohn, der sich aus Liebe zu dieser Welt dahingibt. Zu Pfingsten sendet er den Heiligen Geist, in dem er sich wieder ganz neu offenbart. Der dreieinige Gott gibt sich somit erst am Ende der biblischen Offenbarung ganz zu erkennen. Das Puzzle hat sich mit vielen einzelnen Teilen gefüllt. Die Trinitätslehre fasst alles zusammen, was uns die Bibel über den dreieinigen Gott berichtet. Daneben gibt es schon im Verlauf der Offenbarung einige „große Puzzleteile“, die uns Gott als den dreieinigen Gott erkennen lassen (z. B. Mt 28,19: „Taufet sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“; 2Kor 13,13: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!“)
Frage 2: Widerspricht die Trinitätslehre nicht dem großen Bekenntnis aus 5Mo 6,4: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein“? Glauben wir Christen etwa an drei Götter?
Antwort: Die Trinitätslehre widerspricht dem Bekenntnis zu dem einen Gott nicht – sie entfaltet dieses Bekenntnis. Nehmen wir das Wort „Entfalten“ ruhig wörtlich. Das Bekenntnis aus 5Mo 6,4 gleicht einem mehrmals zusammengefalteten Tuch, das nur die Aufschrift „Gott“ erkennen lässt. Jesus Christus nimmt dieses Tuch und „entfaltet“ es. Dadurch kann man auf dem nun vergrößerten Tuch noch zwei weitere Worte lesen: „Vater“ und „Sohn“. Der Sohn sagt: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Noch weiter wird das Tuch entfaltet. Ein drittes Wort kann man jetzt lesen: „Heiliger Geist“. Auch der Heilige Geist ist Gott. Paulus schreibt: „Der Herr ist der Geist“ (2Kor 3,17).
So kann man erst am Ende der Offenbarung erkennen, was am Anfang noch verborgen war.
Der eine Gott begegnet uns als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Nach vielen Streitigkeiten über das Thema Trinität einigte man sich im Jahr 381 in Konstantinopel schließlich auf die Formulierung „ein Wesen, drei Personen.“ Damit ist auch gesagt, dass wir nicht an drei Götter glauben, sondern an den einen, der sich im Verlauf der biblischen Geschichte in seinen drei Personen offenbart hat.
Frage 3: Unter Menschen gibt es oft Streit! Wie ist das nun bei den drei Personen Gottes? Sind sich Vater, Sohn und Heiliger Geist immer einig?
Antwort: Mehr als das! Johannes schreibt: „Gott ist die Liebe“ (1Joh 4,16). Mit diesem Wort kennzeichnet er Gottes Wesen.
Die Trinitätslehre beschreibt, wie sich Vater, Sohn und Heiliger Geist in ewiger und unzerstörbarer Liebe durchdringen.
Das Fachwort dafür lautet „Perichorese“. Nichts Trennendes, Gefährdendes und Störendes stellt sich dieser Liebe in den Weg. Damit unterscheidet sie sich von dem, was wir oft unter Liebe verstehen.
Frage 4: Ist diese perfekte Liebe des dreieinigen Gottes für uns Menschen ein unerreichbares Ziel?
Antwort: Im Gegenteil! Diese Liebe ist das erklärte Ziel Gottes für uns! Wenn in der Ewigkeit zusammen mit der Sünde (Trennung von Gott) auch alle Folgen der Sünde (Hass, Gier, Egoismus …) überwunden sein werden, wenn Gott „alles in allem“ (1Kor 15,28) sein wird, dann wird mit Gott auch die Liebe – das ewige Wesen Gottes – alles in allem sein. Gott nimmt die Menschen durch seinen Sohn in seine innertrinitarische Liebe hinein. Jesus betet: „Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan …, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen“ (Joh 17,26).
Frage 5: Gibt es hilfreiche Vergleiche, um die Formulierung „ein Wesen in drei Personen“ besser zu verstehen?
Antwort: Die gibt es!
A) Man vergleicht Gott mit einem Baum, dessen Krone aus drei großen Ästen besteht. Die Äste sind die drei Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist. Jeder Ast ist eigenständig. Und doch ist jeder Ast auch „Baum“. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind unterschiedliche Personen. Und doch sind sie alle drei „Gott“, so wie die drei Äste „Baum“ sind.
B) Vater, Sohn und Heiliger Geist sind drei Inseln im Meer vergleichbar. Über der Wasseroberfläche erscheinen sie getrennt. Unter der Wasseroberfläche aber gehören sie zusammen.
3. Trinitarische „Zusammenhänge“

Wenn der Heilige Geist Gott ist, ist er dann nicht identisch mit dem Vater und dem Sohn? – Nein, der Heilige Geist ist zwar Gott, aber er ist nicht der Vater. Er ist auch nicht der Sohn. Andreas Meinardi hat in einem Bild versucht, die unvorstellbare Drei-Einheit anschaulich zu machen. Jede Linie lässt sich vom vorausgehenden zum nachfolgenden Wort lesen. Für die Person des Heiligen Geistes liest man also: Der Geist ist Gott. Der Geist ist nicht der Vater. Der Geist ist nicht der Sohn.
4. Zusammenfassung
Gott offenbart sich als der dreieinige Gott. Er ist ein Wesen in drei Personen. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind in vollkommener Liebe miteinander vereinigt. In diese Liebe nimmt er den Menschen hinein, rettet, versöhnt und heiligt ihn. Obwohl die D Dreieinigkeitsaussagen offenbart sind, kann der Mensch im Hier und Jetzt die Dreieinigkeit niemals erschöpfend erfassen. Bilder und Vergleiche definieren nicht die Dreieinigkeit, aber sie verhelfen zu einem besseren Verständnis. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch das am Anfang erwähnte Dreifaltigkeitsbild (Vater mit Erdkugel, Geist als Taube, Sohn mit geteiltem Brot) ein Versuch, dem Betrachter das Unvorstellbare vorstellbar zu machen.
Gerd Wendrock
Gemeinschaftspastor Bezirk Freiberg
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Bildnachweis: jette55 / pixabay.de


