Christlich (v)erzogen?!
Wie Gottes Vaterherz unsere Erziehung verändert
Was bedeutet überhaupt Erziehung? Und was hat Gott damit zu tun? Aus meiner Bibelschul- und Ausbildungszeit erinnere ich mich an einen Satz von Friedrich Fröbel:
„Erziehung ist Liebe und Beispiel – sonst nichts.“
Kinder lernen vor allem durch das, was sie im Alltag erleben – eingebettet in eine sichere Beziehung. Liebe und Beispiel eben.
Mir ist dieser Satz hängen geblieben, weil er so einfach klingt und gleichzeitig so tief ist. Erziehung scheint plötzlich gar nicht mehr so kompliziert zu sein. Zumindest bis ich merke, dass meine Tochter nicht nur meine Schokoladenseiten kopiert, sondern auch meine Schattenseiten. Wenn sie sich wegen einer Kleinigkeit aufregt, als wäre etwas Schreckliches passiert, entdecke ich darin mich selbst. Dann merke ich: Ich bin längst nicht immer so geduldig, wie ich gern wäre.
Während ich das schreibe, höre ich schon die Einwände: „Aber Kinder brauchen doch Regeln und Grenzen! Sie dürfen doch nicht einfach machen, was sie wollen.“ Ja. Natürlich brauchen sie Orientierung. Aber wie sieht Orientierung aus, wenn Jesus unser Maßstab ist? Wie macht Gott das eigentlich?
Wenn wir uns Gottes Kinder nennen und glauben, dass Gott keine Fehler macht, müsste er doch das beste Vorbild für Erziehung sein. Vielleicht lohnt es sich, weniger auf unsere Erziehungskonzepte zu schauen und mehr auf den Vater selbst.
Jesus sagt: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ Wenn wir wissen wollen, wie Gott mit seinen Kindern umgeht, schauen wir auf Jesus. Und genau hier beginnt für mich eine spannende Frage: Leben wir als Christen wirklich aus dem Neuen Bund – oder prägt der Alte Bund unser Gottesbild noch stärker, als uns bewusst ist?
Diese Frage ist relevant, denn unser Gottesbild wird früher oder später zu unserem Erziehungsstil. Wenn ich tief in meinem Herzen glaube, dass Gott seine Liebe davon abhängig macht, ob ich alles richtig mache, werde ich unbewusst genau das weitergeben. Dann wird Liebe zur Belohnung und Nähe zum Lohn für gutes Verhalten.
Die Botschaft des Evangeliums
Jesus begegnet Menschen anders. Die Ehebrecherin hat gesündigt. Jesus beschönigt das nicht. Aber bevor er sie zur Veränderung ruft, schützt er ihre Würde.
Petrus verleugnet seinen besten Freund. Nach der Auferstehung zählt Jesus ihm nicht seine Verfehlungen auf oder bestraft ihn. Er fragt dreimal: „Liebst du mich?“
Für ihn geht Beziehung über Verhalten.
Der verlorene Sohn ist eine perfekte Erziehungsgeschichte. Der Vater kontrolliert seinen Sohn nicht. Er zwingt ihn nicht zu bleiben und rennt ihm nicht hinterher. Er lässt ihn sogar falsche Entscheidungen treffen. Nicht weil sie gut sind, sondern weil Liebe Freiheit zulässt. Als der Sohn zurückkommt, hält der Vater keine Predigt. Kein „Na, habe ich es dir nicht gesagt?“ Kein „Jetzt musst du erst einmal beweisen, dass es dir ernst ist.“ Er läuft. Er umarmt. Er stellt Beziehung vor Verhalten.
Die biblischen Geschichten zeigen deutlich: Gott arbeitet am Herzen. Er fragt nicht zuerst: „Wie bekomme ich das Verhalten in den Griff?“, sondern: „Wie gewinne ich das Herz meines Kindes?“
Erziehung mit Liebe und Vision
Genau das hat mich an Danny Silks Buch Erziehung mit Liebe und Vision angesprochen. Er beschreibt, dass christliche Erziehung nicht auf Kontrolle abzielt, sondern auf Verantwortung.
Kinder sollen nicht deshalb das Richtige tun, weil jemand zusieht, sondern weil ihr Herz gereift ist.
Wenn meine Tochter zum fünften Mal etwas tut, was ich gerade verboten habe, wünsche ich mir, dass sie endlich hört. Sofort. Ohne Diskussion. Ohne Tränen. Und dann frage ich mich: Ist Gott so mit mir?
Wie oft erkläre ich ihm, dass ich geduldiger werden, weniger sorgen, weniger urteilen oder mehr vertrauen möchte? Und wie oft scheitere ich daran? Erstaunlicherweise verliert Gott dabei nie die Geduld mit mir. Er sagt nicht: „Jetzt reicht es aber.“ Er beschämt mich nicht. Er gibt mich aber auch nicht auf. Er geht den Weg mit mir. Schritt für Schritt. Warum glaube ich, dass Veränderung bei meinen Kindern schneller funktionieren müsste als bei mir selbst?
Natürlich brauchen Kinder Grenzen. Aber es macht einen Unterschied, ob ich Grenzen setze, um Macht auszuüben, oder damit mein Kind wachsen kann.
Wenn meine Tochter im Zorn ihre Trinkflasche durch die Küche wirft, kann ich sie anschreien. Vielleicht hört sie dann auf – zumindest in diesem Moment. Ich kann aber auch ihre Hand nehmen, ruhig werden und sagen: „Ich sehe, dass du gerade richtig wütend bist. Aber ich lasse nicht zu, dass Dinge geworfen werden. Komm, wir räumen das gemeinsam auf.“ Sie lernt dadurch hoffentlich nicht nur, dass Werfen keine gute Idee ist. Sie lernt auch: Meine Gefühle dürfen da sein. Und ich muss mit ihnen nicht allein bleiben.
Oder wenn später einmal eine Lüge ausgesprochen wird, möchte ich nicht zuerst fragen: „Wie kann ich dieses Verhalten bestrafen?“, sondern: „Warum hatte mein Kind Angst, mir die Wahrheit zu sagen?“ Denn genau das macht Gott mit uns. Er geht an die Wurzel, nicht nur an die Frucht.
Erziehung im Sinn des Neuen Bundes
Der Neue Bund bedeutet nicht, dass alles erlaubt, sondern dass Liebe der Ausgangspunkt von Veränderung ist. Das klingt wunderschön, aber es ist schwer. Denn wir alle wurden erzogen und tragen Prägungen in uns.
Vielleicht haben wir gelernt, dass Fehler zuerst Konsequenzen nach sich ziehen und erst danach Versöhnung möglich ist. Vielleicht haben wir erlebt, dass Leistung mehr Aufmerksamkeit bekam als unser Herz. Solche Erfahrungen verschwinden nicht einfach, wenn wir selbst Eltern werden.
Deshalb glaube ich, dass christliche Erziehung nicht im Kinderzimmer beginnt. Sie beginnt dort, wo ich Gott neu kennenlerne. Wo ich mich fragen lasse: Glaube ich wirklich, dass Gott ein guter Vater ist? Oder denke ich noch immer, ich müsse mir seine Liebe verdienen?
Je mehr ich selbst begreife, wie der Vater mich liebt, desto natürlicher wird diese Liebe aus meinem Leben herausfließen – auch meinen Kindern gegenüber.
Unsere Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Eltern, die bereit sind, sich selbst immer wieder vom besten Vater der Welt erziehen zu lassen. Eltern, die keine Angst vor Fehlern haben, sondern im Vertrauen auf Vergebung leben. Vielleicht ist genau das die nachhaltigste Prägung, die wir ihnen schenken können.
Lasst uns am Ende noch einmal auf Fröbel schauen: Erziehung ist Liebe und Beispiel. Dann bleibt für mich die Frage: Welches Beispiel gebe ich meinen Kindern von Gott? Einen Gott, der zuerst kontrolliert? Oder einen Vater, der zuerst liebt? Einen Gott, dessen Nähe ich mir verdienen muss? Oder einen Vater, dessen Liebe der Ausgangspunkt jeder Veränderung ist?
Denn irgendwann werden unsere Kinder fragen, wie Gott ist. Und wahrscheinlich werden sie zuerst an uns denken. Nicht, weil wir perfekt waren, sondern weil wir versucht haben, immer wieder selbst beim besten Vater der Welt in die Schule zu gehen.
Ich möchte dich herausfordern, deine Erziehung zu hinterfragen, und dich gleichzeitig ermutigen: Wir werden alle Fehler machen und nie perfekt sein. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass der beste Papa der Welt uns nicht im Stich lässt und uns immer hilft.
Mirjam Hochmuth
EC-Kinderreferentin in Elternzeit
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