Der vergangene Sonntag hieß Kantate – Singt! Nun ja, gerade das Singen sollen wir momentan reduziert ausüben. Nicht jedem ist nach Singen zumute oder man müsste sich eben sehr überwinden. In Psalm 39 sagt der Beter: Ich bin verstummt und still und schweige fern der Freude (V3) und: Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun. (V10) In der Situation zu singen hieße ja: Ich müsse „so tun als ob!“

Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben, zu loben unsern Gott. Psalm 40,4a

Mit einem neuen Lied im Mund muss man nicht immer und immer wieder die „alte Platte auflegen“, wie schlimm und trostlos doch alles ist. Man kann ein neues Lied anstimmen. Ob das Herz und die Seele schon so weit sind, steht noch nicht da. Aber Gott hat es schon mal in den Mund gelegt, da wo die Worte gebildet werden und nach außen dringen.
Gott hat eine schöne Gabe: Er kann deinen Mund fröhlich machen. (Psalm 103,5)
So kann ich schon mal anfangen zu singen, auch wenn Herz und Seele noch gar nicht so weit sind und das ist kein „so tun als ob!“ Das Singen des neuen Liedes, was hier ein Loblied für Gott ist, ist nicht von glücklichen Umständen abhängig. Es funktioniert, weil Gott es geschenkt hat. Und wenn ich zu singen beginne, ziehen vielleicht Herz und Seele nach und machen mit.
Das heißt: Wenn ich Gott lobe, tue ich mir selbst etwas Gutes.

Natürlich darf ich Gott klagen, was ich auf dem Herzen habe. Nun gibt es einen Unterschied zwischen „jammern“ und „klagen.“ Klagen ist lösungsorientiert, man macht seiner Enttäuschung Luft, um anschließend die Ursachen zu beseitigen oder beseitigen zu lassen. Klagen entlastet, weil ich es aussprechen kann und mir jemand sein Ohr, sein Mitgefühl oder seine Zeit geschenkt hat. Jammern entlastet nicht – den Jammernden nicht und wird vom Zuhörenden zunehmend als Belastung empfunden. Er schraubt sich mit jeder Wiederholungsschleife tiefer rein ins Jammertal.

Ich muss nicht immer wieder die „alte Leier anstimmen.“ Ich darf ein neues Lied singen. Ich muss es auch nicht „hinter vorgehaltener Hand“ und mit Mundschutz tun, um andere nicht anzustecken. Im Gegenteil, der Psalmbeter sagt: Das werden viele sehen… und auf den Herrn hoffen. (Ps 40,4ᵇ) Das wird anderen auffallen, wenn jemand in schwierigen Zeiten ein Loblied anstimmt. Das ist nicht logisch, aber theo-logisch. Für Gott ist es logisch. So ist Singen eine gute Möglichkeit zur Ermutigung.

Worte erreichen zunächst die Wahrnehmung und das Denken des Menschen. Klänge und Töne gehen tiefer und erreichen die Emotionen im Menschen. Musik ist auch Therapie. Eine Frau erlebt zu Hause und dann auf der Arbeit einen ziemlich stressigen Tag. Nach Feierabend geht sie noch auf den Markt, um ein paar Dinge einzukaufen. Auf dem Nachhauseweg setzt sie sich einen Moment auf eine Bank. Im Hintergrund ist eine Kirche. Vom Kirchturm beginnt ein Glockenspiel das Lied zu spielen: Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen. Sie kennt dieses Lied und im Stillen stimmt sie mit ein. Das Lied ist nicht neu, aber sie hört es in dem Moment ganz neu. Sie hätte möglicherweise ein anderes Lied angestimmt oder gar nicht gesungen. Aber Gott schlug eine Saite in ihrem Innern an, die zumindest an diesem Tag verstummt war. Vielleicht hat er auch eine neue Saite aufgezogen und frisch gestimmt. Die Frau stand auf und ging verändert nach Hause. Natürlich waren nicht alle Probleme plötzlich weg, aber sie war doch „neu gestimmt.“ Gott hatte ihr ein neues Lied geschenkt.

Hartwig Schult, Annaberg-Buchholz